„Literatur schafft Freiräume, um zu entdecken“ Daniel Gräfe, Schriftsteller _ Stuttgart 14.8.2024

Lieber Daniel Gräfe, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Vom Bett geht es bei mir direkt in die Klamotten und schon raus für einen langen Spaziergang durch die Natur – ich wohne an einem Landschaftsschutzgebiet. Danach mit einem starken Kaffee an den Schreibtisch. Beides kalibriert mich jedes Mal neu für den Tag – und schafft im besten Fall die Weite in meinem Kopf, die ich für meine journalistische und schriftstellerische Arbeit brauche. Klappt leider nicht immer.

Daniel Gräfe, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Einfach mal den anderen zuhören, sich seiner eigenen Blase bewusst zu werden, in der man lebt, und die Welt darum wahrnehmen. Die Argumente von anderen erst einmal stehen lassen. Aber auch hinterfragen, ob die Behauptungen, die in der Welt stehen, stimmen können. Es gibt viel zu viel Aufregung, Redundanz und Geraune. Aber das ist meine Sicht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Diesen Aufbruch und Neubeginn kann ich ehrlicherweise nicht erkennen, überhaupt bin ich bei solchen Zuschreibungen skeptisch.

Literatur kann helfen, genauer zuzuhören und hinzuschauen. Sich auf andere einzulassen, einfach, weil man sich mal wieder konzentrieren muss und Dinge wirken lassen kann. Ein guter Text schafft die Freiräume, damit man zum Entdecker wird – mit allem, was daraus folgen kann. Das ist ja das Schöne an Literatur: Alles kann sein, nichts muss.

Was liest Du derzeit?
John Burnsides „Anweisungen für eine Himmelsbestattung“ – ein toller schottischer Dichter, der leider vor kurzem viel zu früh gestorben ist.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Gerne einen Satz, der am Anfang meines Debütromans steht und für diesen selbst zum Impuls wurde. „Seitdem wir uns kannten, war Fragen stellen unser Spiel, sie nicht beantworten zu müssen gehörte dazu.“

Ich finde es wichtig, nach Fragen zu suchen, statt Antworten zu geben.

Daniel Gräfe, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview, lieber Daniel, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen: Daniel Gräfe, Schriftsteller und Journalist

Zur Person: Daniel Gräfe, wohnt in Stuttgart, Schriftsteller und Journalist

Daniel Gräfe, geb. 1971 in Biberach, arbeitete in sozialen Projekten in den USA und Ägypten und bereiste nach dem Studium in London recherchierend und schreibend Afrika, Asien und den Nahen Osten. Er arbeitete als Kultur- und Wirtschaftsredakteur in Ost und West und ist Reporter der Stuttgarter Zeitung. Seine Erzählungen, Reportagen und Lyrik wurden mehrfach ausgezeichnet. „Wir sind Kometen“ ist sein Debütroman und wurde mit dem Stipendium des Förderkreises der Schriftsteller:innen in Baden-Württemberg unterstützt.

Aktuelles Buch: „Wir waren Kometen“ (danube books, ET 19.7.24)

Frühsommer 2010: Ein rätselhafter Anruf – und schon holt Lukas Brandt (32) die Sehnsucht nach einem erfüllteren Leben ein. Überstürzt verlässt er seinen Job und macht sich auf die Suche nach der Anruferin, mit der er einst in Berlin das zugleich aufregendste wie schmerzlichste Jahr seines Lebens verbrachte: Luba Matei.

Auf seiner Irrfahrt quer durch Rumänien strandet er in der sprichwörtlichen Walachei, freundet sich mit dem Cannabis-Bauern Bogdan an und trifft auf die Schatten von Lubas Vergangenheit, die ihn zu Lubas Kindheitsgeheimnis unter dem Ceaușescu-Regime führen. Erstmals in seinem Leben gibt Lukas alle Sicherheiten auf.

Doch auch Luba, die in Rom ein neues Leben beginnen wollte, ist wieder unterwegs: Sie fordert ihren Anteil Glück und will endlich ihre Peiniger stellen.

„Wir waren Kometen“ erzählt berührend wie poetisch von der Sehnsucht nach einem anderen Leben, von Freiheit, Unterdrückung und ungleicher Herkunft. Und mittendrin ein Paar, das sich vereinnahmt und füreinander kämpft.

https://www.danube-books.eu/daniel-graefe-wir-waren-kometen

Daniel Gräfe: Wir waren Kometen. Roman. ET 19.7.2024

248 Seiten, 12,5 B x 20,5 cm H, gebunden, Hardcover, mit Schutzumschlag, Fadenheftung.

ISBN 978-3-946046-41-7.

24,00 EUR (D) | 24,70 EUR (A).

Fotos_privat

Walter Pobaschnig _ 11.8.2024

https://literaturoutdoors.com

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