„Literatur ist für mich die Leinwand, auf der ich meine Träume und Gedanken projiziere“ Nicola Quaß, Schriftstellerin _ Düsseldorf 30.7.2024

Liebe Nicola Quaß, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist unspektakulär. Ich gehe einem Brotberuf nach, der herausfordernd, aber auch sehr erfüllend ist. Daher komme ich erst abends zum Schreiben. Für meinen kreativen Prozess ist es vorteilhaft, Ablenkungen so weit wie möglich zu minimieren. Ich kann mit Fernsehen und Netflix nichts anfangen und verbringe wenig Zeit mit Aktivitäten, bei denen man überwiegend konsumiert. Das ist sicherlich ein Vorteil für das Schreiben. Schon als Kind war ich immer beschäftigt, hatte viele Gedanken im Kopf und lebte in meiner Phantasiewelt. Das hat sich bis heute nicht geändert. Die Literatur ist für mich die Leinwand, auf der ich meine Träume und Gedanken projiziere und in Verse und Geschichten verwandle. Ich bin also eine Abend- und manchmal auch Nachtschreiberin.

Nicola Quaß, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielfalt, Dialog und Zuhören sind jetzt besonders wichtig. Die Literatur bietet die Möglichkeit, die Komplexität unserer Welt in all ihren Facetten widerzuspiegeln. Dabei geht es weniger um die Themen an sich als vielmehr um die Sprache als Medium. Durch sie scheint das Universelle im Alltäglichen durch. Mehr noch als das Gesagte wiegt das Ungesagte. Literatur wird damit auch zur Kunst der Reduktion. Es geht um die Verknappung der Worte auf das Wesentliche, um dem Nichtgesagten Raum zu geben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir stehen vor herausfordernden Zeiten. Einerseits scheinen die Möglichkeiten, die das Internet und die neuesten technischen Errungenschaften bieten, grenzenlos zu sein. Andererseits besteht genau hierin die Gefahr der Vereinzelung, Entmenschlichung und Ausgrenzung. Was nicht in einen Algorithmus passt, wird übersehen und im schlimmsten Fall bekämpft. Ich denke, das Stichwort lautet Humanität, verbunden mit Toleranz und Wertschätzung des Anderen. Genau hierin sehe ich die große Aufgabe der Literatur und der Kunst. Ich bin überzeugt, dass keine Maschine jemals den Schriftsteller oder Künstler ersetzen kann. Zwar kann Künstliche Intelligenz formell perfekte Sprache konstruieren und gewisse Schreibstile imitieren, sie bleibt jedoch immer seelenlos. Die große Aufgabe der Literatur besteht darin, das Menschliche wieder vermehrt in die Texte zu holen. Das gelingt nur, indem man die Vielfalt der literarischen Ausdrucksmöglichkeiten in den Fokus nimmt und mehr Literatur jenseits des Mainstreams publiziert.

Was liest Du derzeit?

Ich bin eine vielseitige Leserin, was bedeutet, dass ich oft mehrere Bücher gleichzeitig lese. Daher kann ich gleich drei Bücher nennen:

  • Caroline Wahl, 22 Bahnen (Roman)
  • Julia Kulewatz, Orkaniden (Sturmgedichte)
  • Lisz Hirn, Der überschätzte Mensch (Essay)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Mein Lieblingszitat stammt von Paul Celan:

„Das Gedicht kann eine Flaschenpost sein, aufgegeben in dem Glauben, sie könnte irgendwo und irgendwann an Land gespült werden, an Herzland vielleicht.“

Vielen Dank für das Interview, liebe Nicola, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute! 

Nicola Quaß, Schriftstellerin

5 Fragen an Künstler*innen: Nicola Quaß, Schriftstellerin

Zur Person:  Nicola Quaß wurde in Wetzlar geboren und lebt heute in Düsseldorf. Sie hat Rechtswissenschaften studiert und arbeitet als Anwältin in einem Unternehmen. Sie veröffentlichte Gedichte und poetische Prosa in renommierten Zeitschriften und Anthologien sowie die Gedichtbände ›Nur das Verlorene bleibt‹ (hochroth Verlag, Heidelberg 2020) und ›Moorland‹ (dr. ziethen verlag, Oschersleben 2024). Für ihre Lyrik wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. beim Lyrikwettbewerb ›Lyrik 2000S‹ (2004) sowie mit dem Ulrich-Grasnick- Lyrikpreis (2023). Nicola Quaß nahm an der von Kurt Drawert geleiteten ›Darmstädter Textwerkstatt‹ teil und erhielt hierfür das Merck-Stipendium.

Aktuelle Publikation:

Nicola Quaß: Moorland – Gedichte mit Aquarellen von Erika Magdalinski

Moorland.

Gedichte mit Aquarellen von Erika Magdalinski

Die Berührung
Durchs Fenster weht Wind.  
Der Morgen, verlassen  
im Spiegel. Sonntag betritt das Bild.

Draußen, hinter der Scheibe, rauschen Wolken
durch bleierne Stunden. Die Sonne  
gießt Landschaft ein, der Flieder erwacht.  

Wie Wärme von den Dächern steigt, wie Sommer
sich teilt. Die Berührung zweier  
Stifte, einmal ein Wagnis  
gewesen, ein Lachen  
zieht vorbei.  

Fliegen verdauen  
die letzten Gerüche
einer Haut.

Dr.-Ziehten – Verlag, 20. März 2024

ISBN 978-3-86289-210-5

Paperback, 64 Seiten

Preis: 15 €

Homepage: www.nicolaquass.com

Fotos_ (c)PicturePeople

Walter Pobaschnig _ 29.7.2024

https://literaturoutdoors.com

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