Lieber Boris Hoge-Benteler, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zwischen 8 und 14 Uhr arbeite ich in einer Bibliothek, von 14 bis 16 Uhr wende ich mich meinem jeweils aktuellen Manuskript zu oder/und erledige dringende Korrespondenzen. Den Rest des Nachmittags kümmere ich mich um Alltagsdinge bzw. verbringe noch etwas Zeit mit meiner Familie, den späteren Abend dann zumeist lesend. Hauptsächlich entstehen meine Texte an den Samstagabenden bzw. den Nächten von Samstag auf Sonntag.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Vieles um mich herum macht mir in jeder Stunde große Angst. Manches kann ich benennen: Krieg, Krankheit, Klimawandel, wachsende Aggressivität und Gewaltbereitschaft. Oft aber, wenn ich umhergehe, empfinde ich die Angst nur; sie ist diffus, und ich nehme Witterung auf, spüre ihr nach.
Was für uns alle wichtig ist: Ich weiß es nicht. Wörtern wie „wir“, „uns“, „man“ begegne ich mit Skepsis. Ich möchte niemanden vereinnahmen, kann für niemanden sprechen. Aber oft, wenn ich Menschen (und auch mich selbst) über alles Mögliche und vor allem über andere reden (oder fluchen) höre, frage ich mich (oder sie): Warum redest du nicht einmal von dir? Wie geht es dir? Wovor hast du eigentlich Angst?
Im Grunde verstehe ich von dem meisten nur sehr wenig, und ich muss mir schonungslos eingestehen: dass die Kompliziertheit der Welt und ihrer Krisen mich überfordert. Dass es aber auch keine Lösung sein kann, schlicht das Gegenteil zu behaupten, sie zurechtzustutzen und zu vereinfachen. Ich bin jeden Tag auf sehr dünnem Eis unterwegs, ob es mir gefällt oder nicht.
Was oder wer mir außer dem Genannten (und mit ihm zusammenhängend) Angst bereitet: Rechthaber, Pauschalisierer und Schubladendenker ebenso wie Schreihälse, Meinungsmacher oder Phrasendrescher.
Ihr Gegenteil schwebt mir vor, wenn ich schreibe.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ob als Kind, Jugendlicher oder Erwachsener: Immer wieder wollten und wollen mir sogenannte ‚Autoritäten‘ weismachen, was ‚wirklich‘ ist und was nicht. Für mich der Beginn totalitären Denkens. An jedem Morgen sehe ich mich wieder einer Maschinerie der Vereinfachung ausgesetzt: Versuche, mein Wahrnehmen, Empfinden, Denken und meine Sprache zu standardisieren. Im Schreiben (und Lesen) versuche ich (und als Kind schien es mir oft noch so einfach), mich diesen Mechanismen zu widersetzen.
Mir ist klar, dass ich in der Alltagskommunikation nicht immer ohne Vereinfachung auskomme. Doch mir ist die Funktion dieses kleinsten gemeinsamen Nenners immer bewusst und ich hüte mich, ihn mit Wirklichkeit zu verwechseln. Sehr oft scheint mir daher die Literatur (wenn sie gut ist) viel wirklicher als eine zurechtgestutzte Alltagsrealität.
Gute Texte sind für mich widerspenstig und widersprüchlich, vieldeutig und vielstimmig, nichtlinear, irritierend und verunsichernd, beängstigend, und ja, auch unverständlich. Sie stellen sich selbst in Frage, sperren sich gegen ihre Vereinnahmung. In ihnen konstituieren sich Raum- und Zeitstrukturen, um permanent wieder zu zerfallen. In ihrer Mischung von Innen- und Außenwelt, Traum und Nicht-Traum sind sie ‚realistisch‘. Gerade die Literatur scheint mir geeignet, sich gegen die Normierung von Wirklichkeit zu wehren und ihre Komplexität und Vielschichtigkeit immer wieder von neuem sichtbar werden zu lassen.
Was liest Du derzeit?
Jan Wilm: Winterjahrbuch
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Sprechen wir einander von der Angst.“ (Elke Laznia, Kindheitswald)
Vielen Dank für das Interview, lieber Boris, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Boris Hoge-Benteler, Schriftsteller
Zur Person_ Boris Hoge-Benteler, geboren 1979 in Marburg, aufgewachsen in Büren (Westf.), studierte Neuere deutsche Literatur, Italienisch und Geschichte in Berlin und Wien und promovierte in Münster über Russland-Konstruktionen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Er arbeitet als wissenschaftlicher Bibliothekar in Jena und lebt in Weimar. 2022 erschien sein Debütroman „Sonnenstadt“, 2023 folgte sein Briefroman „Liebe Dunkelheit“.

Foto_ Miriam Benteler
Walter Pobaschnig _ 18.6.2024