Lieber Christian Dörge, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tag ist – naturgemäß – wie stets konsequent strukturiert: Ab 5.30 Uhr sitze ich im am Schreibtisch, checke die über Nacht eingegangenen E-Mails, beantworte diese direkt (oder auch nicht), anschließend folgen ein, zwei Stunden täglicher Büro-Routine. Danach… wird entweder geschrieben oder komponiert/aufgenommen, je nachdem, ob ich gerade an einem Buch oder an einem neuen Album arbeite. Von unwesentlichen Pausen/Unterbrechungen abgesehen, dauert mein Arbeitstag bis ca. 22.00 Uhr.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Kontinuität, Resonanz, friedliche Ko-Existenz. Insbesondere als Künstler sollten wir abbilden, was oft nur wortreich gefordert, im beruflichen Umfeld jedoch nicht oder nur mangelhaft umgesetzt wird: ein friedliches Miteinander, Progression ohne Ideologie, Kunst und Kultur als Gefäß, nicht als zertrennendes, eitles Schwert.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Aufbruch und Neubeginn – gesellschaftlich, politisch – wird (hier sollte man realistisch sein) weder von der Kunst noch von der Literatur geprägt, motiviert oder wirkmächtig begleitet. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, Kunst könne politische oder gesellschaftliche Entscheidungen/Entwicklungen beeinflussen. Gelegentlich schmücken sich Politik und Gesellschaft mit Kunst, mit Literatur, jedoch allenfalls zur Bestätigung entsprechender Positionen oder Gesinnungsansprüche. Kunst und Literatur sind bestenfalls Begleiter im Schatten, Illustratoren eines Für und Wider. Etwas anderes zu glauben hieße, die Wirklichkeit zu ignorieren.
Persönlich mag man Kraft und Perspektive aus Kunst und Literatur (be)ziehen, aus den Werken Dritter, aus den eigenen Werken. Aufbruch und Neubeginn bedeuten persönlich, im Strudel der Veränderungen und im Schrillen und Schreien der Medien nicht unterzugehen oder gar zu verzweifeln. Als Künstler müssen wir überleben… moralisch, wirtschaftlich, inhaltlich. Relevanz ist hier eine Frage der Selbstdisziplin.
Was liest Du derzeit?
Kronos von Rainald Goetz – und mein eigenes Stück Crowley, der Antichrist, weil ich die Inszenierung vorbereite.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Ich muss nicht über die Zukunft schreiben. Für die meisten Menschen ist die Gegenwart der Zukunft so ähnlich, dass bereits die Gegenwart außerordentlich beängstigend ist.« William Gibson
Vielen Dank für das Interview, lieber Christian, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Musik-, Theater-, Kunstprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Christian Dörge _ Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Bildender Künstler, Theater-Schauspieler und -Regisseur.
Zur Person_ Christian Dörge, Jahrgang 1969.
Schriftsteller, Dramatiker, Musiker, Bildender Künstler, Theater-Schauspieler und -Regisseur.
Erste Veröffentlichungen 1988 und 1989: Phenomena (Roman), Opera (Texte).
Von 1989 bis 1993 Leiter der Theatergruppe Orphée-Dramatiques und Inszenierung
eigener Werke, u.a. Eine Selbstspiegelung des Poeten (1990), Das Testament des Orpheus (1990), Das Gefängnis (1992) und Hamlet-Monologe (2014).
1988 bis 2018: Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Literatur-Periodika.
Veröffentlichung der Textsammlungen Automatik (1991) sowie Gift und Lichter von Paris (beide 1993).
Seit 1992 erfolgreich als Komponist und Sänger seiner Projekte Syria und Borgia Disco sowie als Spoken Words-Artist im Rahmen zahlreicher Literatur-Vertonungen; Veröffentlichung von über 60 Alben, u.a. Ozymandias Of Egypt (1994), Marrakesh Night Market (1995), Antiphon (1996), A Gift From Culture (1996), Metroland (1999), Slow Night (2003), Sixties Alien Love Story (2010), American Gothic (2011), Flower Mercy Needle Chain (2011), Analog (2010), Apotheosis (2011), Tristana 9212 (2012), On Glass (2014), The Sound Of Snow (2015), American Life (2015), Cyberpunk (2016).
Rückkehr zur Literatur im Jahr 2013: Veröffentlichung der Theaterstücke Hamlet-Monologe und Macbeth-Monologe (beide 2015) und von Tristana – Eine Werkausgabe (2022), einer ersten umfangreichen Werkschau seiner experimentelleren Arbeiten.
2021 veröffentlicht Christian Dörge mehrere Kriminal-Romane und beginnt drei Roman-Serien: Die unheimlichen Fälle des Edgar Wallace, Ein Fall für Remigius Jungblut und Friesland.
2022 folgen zwei weitere Krimi-Serien: Noir-Krimis um den Frankenberger Privatdetektiv Lafayette Bismarck und München-Krimis mit Jack Kandlbinder, der in der bayrischen Landeshauptstadt die merkwürdigsten Verbrechen aufzuklären hat.
2023 erscheinen Dörges neuen Alben Kafkaland, Lycia, sich entfernen und Halbes Superego.
Website: https://www.christiandoerge.de/
Walter Pobaschnig _ 8.5.2024