Liebe Doris Wirth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich versuche, kurz nach 6 aufzustehen, um genügend Zeit zu haben, und scheitere regelmäßig. Ich meditiere, mache etwas Yoga, treffe meinen Sohn um sieben in der Küche. Dann radle ich zur Arbeit und unterrichte Jugendliche in Deutsch als Zweitsprache. Wenn nach dem Unterricht keine Sitzungen oder Termine anstehen, bin ich glücklich. Ich genieße den Heimweg durch den Park oder den Wald und sauge so viel Grün wie möglich in mich auf. Wenn ich viel Glück habe, bin ich nicht zu müde, um noch Sport zu machen.
Abends genieße ich den Moment, wenn ich meinen Sohn zu Bett bringe (so lange er es noch will…), dann bereite ich vor und falle ins Bett, wo ich manchmal noch sinnlos in den sozialen Medien herumklicke, als gälte es, da etwas zu finden, wofür mir der Tag nicht genug Zeit ließ – was dazu führt, dass ich am nächsten Morgen wiederum müde bin.
Nur freitags ist es anders: Freitag ist mein heiliger Tag. Da darf ich länger schlafen oder genau so früh aufstehen und ins Atelier radeln und schreiben. Wenn. Wenn nicht gerade Steuern anstehen, ich mich um eine falsche Mobilfunkrechnung kümmern muss oder sonst das Leben reinplatzt: zum Beispiel mit totaler Erschöpfung, so dass der Freitag Pausentag wird statt Schreibtag.
Zurzeit heißt Schreiben nicht wirklich schreiben, sondern: alles rund um Lesungen, Promo, Einladungen organisieren, Netzwerk pflegen, Website, Insta, Fotos – um meinen Roman zu bewerben und weiter in die Welt hinauszubringen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sanftheit und Mitgefühl. Ich merke selbst, wie ich, im Grunde ein zarter und positiver Mensch, mehr und mehr mitgerissen werde von einer Welle des „ich zuerst“, und aggressiv werde, ich sehe an manchen Schüler*innen und auf den Straßen im Verkehr, wieviel Dicke-Hose-Gehabe und wie wenig Empathie vorhanden sind. Auch in den sozialen Medien ist König, wer gewinnt, wer glänzt – es fehlt eine Kultur des Scheiterns, eine Kultur des Fühlens. Befindlichkeit ist Trumpf, ja, aber immer nur auf eine vorteilsorientierte Weise, wenn das „ich fühle mich grad so“ diskussionsdienlich ist – es braucht so viel Mut, sich wirklich empfindlich, nackt, berührbar – oder eben auch mal stumpf, abgestumpft, entleert, stumpfsinnig zu zeigen – so, wie es jeweils nicht vom gesellschaftlichen Kontext vorgesehen und goutiert wird. NICHT zu funktionieren und dazu zu stehen. Und bei all dem eben auch das Mitgefühl mit sich selbst UND den anderen, die es möglicherweise nicht verstehen können, nicht zu verlieren. Und bei aller Empfindsamkeit: auch zu merken, wann es Zeit ist, sich eine dicke Haut zuzulegen und klare Grenzen zu setzen.
Das Gefühl der Liebe nicht nur in den rosa Momenten und beim Liebsten zu spüren, sondern hinüber in alle manchmal auch Rohheit oder Hässlichkeit oder Kleinheit des Alltags zu retten, hin zu den Feinbildern, hin zu den vermeintlich „so anderen“. Wenn uns allen das öfter gelänge – wäre in meinen Augen viel gewonnen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich nehme an, der Satz bezieht sich noch auf die Corona-Krise? Mir kommt es manchmal vor, als wäre seither ständig noch etwas draufgekommen. Als würde es mit Schreckensnachrichten und Katastrophen gar nicht mehr aufhören – wahrscheinlich ist es wichtig, immer wieder auch in die Vergangenheit zu blicken. Um die Relation zu behalten. Ich mag es, in alten Zeitungen zu lesen. Ich mag es, wenn „schlimme“ Dinge längst Geschichte sind und nur noch eine in diesen Nachrichten beinah nostalgische Reminiszenz. Wenn da mitschwingt, dass es vorbei ist und dass es weiterging. Und auch gut weiterging! Zeitweise.
Gesellschaftlich finde ich es sehr wichtig, dass der Dialog wieder mehr gefördert wird. Gerade auch im Internet, wo jede*r seine Meinung so laut und ungefragt herausposaunen kann, gibt es so viele Spaltungen. Das eigene Lautsein und sich Behaupten ist wichtiger als das Zuhören, so wird es gelebt – dabei ist richtig Zuhören eine absolute Kerntugend. Auch das sich Anhören, was nicht unserem Denken, unserer Bubble entspricht. Und genau darüber in den Austausch zu gehen. Ich bin kein Fan davon, Menschen mundtot zu machen. Selbst und gerade Menschen, die in Extreme abrutschen, sollten eingebunden werden, ihre wahren Gründe aufgedeckt, und sich nicht mehr und mehr separieren. Ich halte Abspaltungen und Separierungen für sehr gefährlich und beobachte zunehmende Grabenentwicklungen mit Unbehagen. Auch Unbehagen bereiten mir zu starke Leitlinien, WIE man über etwas sprechen soll – parallel zu den vielen Spaltungen gibt es eine starke Mainstream-Kultur, ein Ja-Sagen und Gefallen-Wollen und das Richtige machen um jeden Preis. Ich wünsche mir und uns allen mehr Mut zu wirklich eigenen Standpunkten.
Für einen Neubeginn, persönlich und gesellschaftlich, braucht es Hoffnung, Mut, Visionen und Disziplin.
Der Literatur kommt die Rolle zu, dass sie langsamer ist als das Tagesgeschehen, die Tagespresse. Sie atmet zuerst, ehe sie spiegelt, in Frage stellt, erzählt. Sie hat den Vorteil der Distanz. Und genau darum eröffnet sie uns auch so große Räume und Freiheiten. Sie ist es, die uns immer wieder auch Distanz zu uns selbst und dem eigenen Leben, der eigenen Zeit, ermöglicht. Die uns aber auch einlädt, wieder zu träumen, zu wagen, uns nicht klein zu halten.
Persönlich bin ich so unendlich glücklich, dass Berlin wieder zugekleistert ist mit Plakaten und Ankündigungen, dass die Stadt wieder lebt und bebt und nicht so geisterhaft stillgelegt ist wie während der Pandemie.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade „Töchter“ von Lucy Fricke, ein Geschenk vor vielen Jahren, das ich jetzt erst hervorgezogen und zu lesen begonnen habe. Und ich lese „Ein Reiskorn auf meiner Fingerkuppe“, ein sehr schöner Lyrikband von Ruth Loosli mit tollen Schrift-Kunstwerken (Abbildungen) der Autorin. Auch Lyrik verlangsamt für mich die Zeit. Ähnlich wie Meditation.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Die Sanftmut ist ein Schlüssel zum Himmel (gerade gegoogled)
(Julius Langbehn)
Vielen Dank für das Interview, liebe Doris, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Doris Wirth, Schriftstellerin
Zur Person_ Doris Wirth, geboren 1981 in Zürich, lebt seit dreizehn Jahren als freie Autorin in Berlin. Sie war Stadtschreiberin in Rottweil und Stipendiatin in Scuol und Lübeck. Zuletzt erschien im März 2024 ihr Debütroman „Findet mich“ beim Geparden Verlag.
Aktueller Roman von Doris Wirth: „Findet mich“

„Krawatte, Dienstgrad, Feierabendbier: Es könnte immer so weiter gehen. Doch Erwin, Mittfünfziger, Familienvater, bricht aus. Einst ein Freigeist, stürzt er sich nach Jahrzehnten wieder in ein wildes, ungebundenes Abenteuerleben. Er taucht unter, flieht in die Natur, gilt bald als vermisst. FINDET MICH zeichnet das Psychogramm eines Mannes, dem letztlich eine Psychose diagnostiziert wird und dessen Familie ihn nicht mehr wiedererkennt. Doris Wirth erzählt diese Geschichte als Langzeitporträt, das wechselnde Perspektiven einnimmt; sie blendet zurück in die Vergangenheit von Erwins Ehe, in die sozialen Umstände der Familiengründung und die Reaktionen der in diesen Umständen aufwachsenden Kinder. FINDET MICH ist ein packendes Romandebüt, das nach den Auswirkungen der Selbstdefinition über Leistung und Arbeit fragt und Zwänge und Begrenzungen in unserer Gesellschaft aufzeigt.“
Doris Wirth, Findet mich .Roman
ca. 320 Seiten, Leinen mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 21 x 12,7 cm
ISBN: 978-3-907406-11-3
CHF 32.-, Euro (D) 30.-
ET: März 2024
Foto Cover: Miklós Klaus Rózsa
https://www.gepardenverlag.ch/b%C3%BCcher/
Foto_ Yousif Al-Chalabi
Walter Pobaschnig _ 26.4.2024