Liebe Violetta Parisini, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus
Um 7h läutet mein Wecker, und dann ist Familien-Arbeit angesagt: Frühstück machen, die verlorene Lieblings-Jeans suchen, solche Sachen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, fahre ich momentan meistens in mein Studio, um zu schreiben, aufzunehmen oder zu produzieren, denn ich arbeite gerade an meinem nächsten Album.
Mein Leben verläuft in Phasen: letztes Jahr war ich sehr viel unterwegs für diverse Konzerte und Songwriting-Camps, da hat mein Partner die Kinder oft alleine gehabt. Momentan arbeitet er viel, und ich hole die Kinder oft von der Schule ab, bespreche mit ihnen, was es zu besprechen gibt, koche, bringe sie ins Bett. Wir versuchen, uns die Care-Arbeit 50:50 aufzuteilen, das ist uns beiden wichtig, und klappt ganz gut.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zuversicht (sage ich, weil sie mir nicht immer leicht fällt), Mitgefühl („everyone you meet is fighting a battle you know nothing about. Be kind, always.“), Selbst-Mitgefühl (mindestens genauso schwer) und Vernunft (auch unangenehmen oder komplizierten Antworten eine Chance geben).
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?
Ich glaube, dass jede Veränderung, die wir in unserem persönlichen Leben machen, Wirkung hat. Auch wenn ich diesen Glauben manchmal verliere und dann verzweifle, weil ich die großen Veränderungen, die ich mir wünsche, (noch) nicht sehe, ist das doch einer meiner grundlegendsten Glaubenssätze. „Alle“ bestehen aus jeder*m Einzelnen. Dieses Gefühl von Selbstwirksamkeit zu verlieren, treibt uns entweder in die Depression oder in die Hände von Populisten.
Natürlich müssen wir dafür kämpfen, dass es ein radikales Umdenken in Wirtschaft und Politik gibt, wenn wir in den nächsten Jahrzehnten auf dieser Erde weiterleben wollen. Gemeinsam. Aber in meinem eigenen Leben die Veränderung, die ich mir wünsche, zu leben, hilft mir, daran zu glauben, dass auch im Großen radikale Veränderungen möglich sind. Das beginnt dabei, das Essen tierischer Produkte auf ein Minimum zu reduzieren und meine Wege mit dem Fahrrad oder Zug zurückzulegen, geht über den Umgangston und die Ehrlichkeit in den Beziehungen, die ich führe, und endet bei meiner Wähler*innenstimme.
Was die Musik dazu beitragen kann, ist, Verbundenheit zu schaffen, und zwar über die Gefühle, die sie transportiert. Ich schreibe zum Beispiel viel über meine Erschöpfung und meine Zweifel, und höre von meinen Hörer*innen, dass sie sich gehört fühlen und durch meine Musik Worte für ihre Gefühle gefunden haben. Dieses Abgeholt-Werden, dort, wo man gerade ist, in aller unangenehmen Verletzlichkeit, das gibt – auch mir als Musik-Hörende – Mut, weil ich dadurch spüre, dass ich nicht alleine bin. Sich ehrlich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen und nicht einfach drüber zu gehen, macht uns, glaube ich, auch zu verantwortungsvolleren und rücksichtsvolleren Menschen. Wenn wir diese Verbundenheit mit uns selbst haben, ist es leichter, sich mit der Umwelt und den anderen verbunden zu fühlen und dementsprechend zu handeln.
Was liest Du derzeit?
„Systemsturz“ von Kohei Santo (an starken Tagen)
„Pachinko“ von Min Jin Lee
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich lass jetzt los – schau her! – ich bin noch immer da“
(aus dem Lied „Flatterndes Herz“)
Vielen Dank für das Interview, liebe Violetta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Violetta Parisini, Musikerin
Zur Person _ Die Musikerin Violetta Parisini begann ihre künstlerische Karriere während eines Philosophie Studiums als singende DJ. Der hauptsächlich improvisierte Gesang zu ihren Techno-Sets machte sie zu einer begehrten DJ im Wiener Nachtleben und in verschiedenen Clubs in Berlin, München und Zürich.
Nach dem wiederholten Verlust ihrer Stimme legte sie eine Techno-Club-Pause ein, machte ihren Studien-Abschluss, und kaufte sich ein Klavier. Sie begann, Lieder zu schreiben.
Gemeinsam mit dem Produzenten Florian Cojocaru entstand ihr erstes Album „Giving You My Heart To Mend“, das 2010 bei Universal Music Austria veröffentlicht wurde, und auf Begeisterung bei Kritikerinnen und Publikum stieß. 2012 folgte „Open Secrets“. Die englischen Songs bewegten sich zwischen Singer-Songwriter und Popmusik. In den darauffolgenden Jahren wurde Violetta Parisini zwei mal Mutter, kuratierte 2014 das Popfest Wien und wirkte bei verschiedenen Kunstprojekten mit, bevor sie ihr nächstes Solo-Album „Alles Bleibt“ auf dem gemeinsam mit dem Produzenten Sixtus Preiss gegründeten Label „Else Musik“ veröffentlichte. Die deutschen Texte verhandelten Themen wie Depression und Identitätssuche, die Arrangements und Produktion von Sixtus Preiss zeichnen sich durch komplexe Rhythmen, eingängige Melodien und instrumental-analogen Sound aus. Das Album erntete berührte und ausführliche Kritiken. Im Herbst 2022 folgte die EP „Unter Menschen“.
Violetta Parisini spielt regelmäßig Konzerte im Trio und solo, schreibt Lieder auch mit und für andere Musikerinnen, und unterrichtet eine Songwriting-Klasse am VMI in Wien. Momentan arbeitet sie außerdem an ihrem nächsten Album, das im Herbst 2024 erscheinen soll.
Foto_Hanna Fasching
Walter Pobaschnig _ 8.3.2024