Lieber Steffen Link, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich arbeite als Schauspieler im Festengagement in München. Im Moment habe ich über mehrere Wochen zwar viele Vorstellungen zu spielen, aber keine neuen Proben. Das tut sehr gut. Um kreativ sein zu können, braucht es immer wieder auch Zeiten, in denen man nicht kreativ sein muss. Parallel dazu wird allerdings gerade am Schauspielhaus Wien mein Stück „Der Verein“ geprobt. Gedanklich bin ich also auch viel in der Porzellangasse.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Globale Krisen, eine Horrorschlagzeile nach der anderen, persönliche Aufs und Abs, Alltag, Arbeit, Freude und Verzweiflung, Schwere und Leichtigkeit. All diese Dinge finden gerade in den größten Gegensätzen parallel und gleichzeitig statt. Damit einen Umgang zu finden ist auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene derzeit eine besonders große Herausforderung, ich denke für uns alle.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich gebe es nicht gerne zu, aber die Corona-Zeit hat auch in mir Spuren hinterlassen, die sich auf meine Lust, auszugehen auswirken. Ich überlege heute länger, bevor ich mich für einen Theaterbesuch entscheide, wähle gezielter aus. Ich denke, das Theater darf nicht ignorieren, dass der Neubeginn auch mit dem Wegfall einiger Gewissheiten einhergeht und muss sich umso mehr fragen, was relevante Themen sind, welche Rolle es einnehmen möchte und wen es erreichen will. Zugänglichkeit ist eines der Schlagworte, über das ich in diesem Zusammenhang am meisten nachdenke.
Was liest Du derzeit?
Tonio Schachinger – Echtzeitalter.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Und so ist es ja auch in unseren Leben. Wir denken gerne, wir hätten etwas an uns verändert, wir sind andere geworden, aber eigentlich wissen wir gar nicht, an was wir da rumschrauben sollen. Ich suche einfach an der völlig falschen Stelle nach meinem Selbst.
(René Pollesch, Love/No Love, Schauspielhaus Zürich, 2015)
Vielen Dank für das Interview, lieber Steffen, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Steffen Link_ Schauspieler und Dramatiker
Zur Person _ Steffen Link ist Schauspieler und Dramatiker. Geboren und aufgewachsen in Darmstadt, studiert er zunächst ein paar Semester Germanistik und Theaterwissenschaften in Mainz, bevor er für sein Schauspielstudium an der HKB Bern und der ZHdK Zürich in die Schweiz zieht. Am Schauspielhaus Zürich ist er eine Spielzeit als Studioschauspieler engagiert, bevor er 2015 ins Ensemble am Wiener Schauspielhaus kommt. Dort spielt er über vier Jahre in zahlreichen Produktionen, z.B. Imperium, Mitwisser, Was ihr wollt – Der Film, Das Leben des Vernon Subutex und Im Herzen der Gewalt. 2020 wechselt er ans Münchner Volkstheater. Neben seiner schauspielerischen Arbeit erarbeitet Steffen regelmäßige eigene Theaterproduktionen und schreibt. 2023 ist sein Text „Dinge, die einfach wahr sind“ für den Retzhofer Dramapreis nominiert.
Mit dem Stück „Der Verein“ kommt er nun als Autor ans Wiener Schauspielhaus zurück. Premiere ist am 7.3.24.
https://www.schauspielhaus.at/veranstaltung/der_verein
Foto_ privat
Walter Pobaschnig _ 29.2.2024