Lieber Richard Schuberth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Sehr gesetzt. Zwischen sechs und sieben aufstehen, Kleinkram erledigen, Blutorangensaft pressen und Frühstück, dann Gymnastik, dann an den Laptop, und, so ich nicht mit Social Media, den Ärgernissen des Tages und Korrespondenzen aller Art prokrastiniere, Arbeit an meiner Essayserie zu Lord Byron, seltener an meinem Roman („Der Paketzusteller“).
Mittagsschläfchen (zu „StadtLandKunst“ auf arte), weiterarbeiten bis zum Frühabendschläfchen (zu den „Simpsons“), danach arbeiten, lesen oder Leute treffen.
So schaut der ideale Tag aus. Über die meisten, gar nicht idealen schweige ich…

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist, sich selbst wichtig zu nehmen und folglich nicht zu wichtig zu machen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich breche nirgends hin auf und für mich beginnt gar nichts neu. Die neuen Imperative, engagierte und politische Kunst zu machen, haben sehr viel schlechte und mittelmäßige Kunst hervorgebracht. Engagierte Kunst kann auch das Bewusstsein lähmen, einen in dieser folgenlosen Illusion des Kämpferischen wiegen und das Getriebe, das sie zu stören vorgibt, dann doch schmieren. Wirklich subversiv wird sie, wenn sie ihren Warencharakter und ihre Alibifunktionen mitbedenkt und sich der Identitätsstiftung entzieht. Und Unbehagen bereitet – nicht durch billige Tabubrüche oder Unkorrektheit. Das Bewusstsein wird nicht durch Bestätigung, sondern durch Irritation verändert.
Kunst soll, im konkreten Fall Literatur, einfach weitermachen.

Was liest Du derzeit?
Die Jonathan-Swift-Biografie von Leo Damrosh, wieder einmal „Jacques der Fatalist“ von Diderot, „The Siege of Corinth“ von Byron und „1948“ von Benny Morris. Ach ja, immer wieder Gedichte … im Augenblick von Emily Brontë und Michail Lermontow.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Wahrer Geist genießt auch das fröhliche Plätschern seichter Gewässer. Während falscher Tiefsinn sogar darin ersäuft.
Vielen Dank für das Interview, lieber Richard, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Buch-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Richard Schuberth, Schriftsteller
Zur Person _ Richard Schuberth (geb. 1968) schreibt Literatur verschiedener Gattungen, auch wissenschaftliche Texte, Songs und gesellschaftskritische Satiren. Er war zudem Cartoonist, Kabarettist, Regisseur und gründete das Musikfestival „Balkan Fever“. Dreimal gewann er den Carl Mayr Drehbuchpreis der Diagonale Graz. 2014 MigAward, 2021 Theodor Kramer Peis für Schreiben im Exil und Widerstand. 2022–24: Elias-Canetti-Stipendium.
2 Romane: „Chronik einer fröhlichen Verschwörung“ (Zsolnay), „Bus nach Bingöl“ (Drava). 2016: „Karl Kaus – 30 und drei Anstiftungen“ (Klever).
Aktuelle Publikation: „Rückkehr des Dschungels. Essays und andere Texte 2017–2023“ (Drava Verlag). Im Herbst wird im Wallstein-Verlag ein Essayband zu Lord Byron (anlässlich des 200. Todestages) erscheinen (Arbeitstitel: „Lord Byron – der erste Anti-Byronist“).
Fotos_ 1 Jana Madzigon; 2.3 Selfie/Lumikki Nälkäinen-Karhu
Walter Pobaschnig _ 19.1.2024