
Nasima Sophia Razizadeh, Schriftstellerin_Köln_
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _
2023 _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_
Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)






















Nasima Sophia Razizadeh, Schriftstellerin_Wien_
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien _
2023 _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)
Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.

Liebe Nasima Razizadeh, wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien.
Welche Eindrücke hast Du von den Romanschauplätzen in der Ungargasse in Wien, die wir besucht haben?
„Es war einmal ein Mond, zu dem alle fliegen wollten, und der Mond war weit weg und unwirtlich“
Zwiespaltsorte sind das, war mein Eindruck. Hier herrschen Zwang und Zufall. An den Orten in der Ungargasse ebenso wie im Roman in den Worten. Gleich auf den ersten Seiten, das erregende, das furchterregende Zwiespaltswort heute, der Auftakt des Romans –„denn Heute ist ein Wort, das nur Selbstmörder verwenden dürften“.

Am Tag meines Besuchs entspricht diesem Romanauftakt die etwas verstimmte Ankunft am Bahnhof „Rennweg“. Wie sich herausstellt ist die Ungargasse lang und die Nummer 6 am genau anderen Ende. Ich werde zu spät kommen. Ich laufe an der Nummer 9 vorüber, sehe die zwei Löwenköpfe, muss unwillkürlich in der Hast doch lächeln, achte auf die geparkten Autos, ohne zu wissen, wonach ich suche, denke, beim Gehen der letzten Meter und Überqueren der Straße, von der 9 zur 6, „aufs andere Ufer“, denke beim Gehen, vage:
„den Weg meiner Passionsgeschichte vor Augen, den ich wieder freiwillig gegangen bin, von seinem Haus zu meinem Haus. Unsere Fenster sind dunkel.“.


Zwiespältige Orte. Man kommt augenblicklich an, ist aber in jedem weiteren Augenblick auf der Hut. „Zu Hause lege ich mich auf den Boden und warte und atme, veratme mich und veratme mich immer mehr […], und ich möchte nicht sterben ehe Malina kommt“. Man empfindet, körperlich, Angst, in solch einen – von Bachmann? von Wien? von mir? eröffneten – Zwiespalt hineinzufallen – „ziehen sie ihr den Teppich weg!“. Und fühlt sich doch auch erstaunlich leicht und frei – „ich lache, tanze und rufe plötzlich: Ivan!“.

Das Verspielte wird angesprochen, getaut, geweckt, gleichzeitig aber gibt es, scheint mir, eine Notwendigkeit, standhaft und beinah widerständig – „forte“ – zu sein, zu werden. Man will an diesen Orten bleiben. Und fürchtet sich doch. Unterwerfung und Überlegenheit sind unzertrennlich. Tags ist das nicht aufzulösen. Bloß in der Schrift, im Traum, im Tier fallen das Verspielte und das Widerständige und die Hingabe vielleicht kurz, dunkel, zusammen: „vertiert werde ich sein im Traum“.

Leben und Feld, Ivanleben und Malinafeld, Kunst und Mord, Wasser und Feuer, Du und Ich, Krieg und Frieden, Zärtlichkeit und Gewalt, Spiel und Sprache, Schnee und Licht, schwarz und rot, Todesangst und Todesarten, Wald und Weltraum, Witz und Wahn, Wand und Tor, Geduld und Gutmachung, das Familiäre und die Affäre, leben und schreiben besitzen allesamt hellere und dunklere Seiten, Flecken und Spieglungen, in „Malina“ und im Leben Bachmanns. Und wo eigentlich nicht? Der Wunsch nach dem Ganzen in Einem ist so eng eingewoben, dass es sich schmerzhaft liest, zuweilen, schmerzhaft ist. Er erfüllt sich nicht. Das ist die Bestimmung des „Zeitalter[s] der Stürze“, aber hierin liegt auch „die Poesie meines Geschlechts“ begründet. Es gibt kein oben und unten, kein Maß, das taugt. Jedes Wort scheint mit dem Schein-Maß zu brechen: Zeitalter, Sturz, Poesie, Geschlecht. Ganz besonders: Geschlecht. Eine freiwillige oder unfreiwillige Tradition? Das weibliche Geschlecht? Das körperliche, das unkörperliche? Das, untrennbar, sinnliche erfahrbare und zugleich gedachte Geschlecht? Das geschlechtliche Geschlecht, gleich welches, als immer bestürzend-unermesslich Eigenstes? Das Geschlecht kennt kein Maß. Gesucht werden kann nur Begegnung, Bewegung, Sprache, Schönheit.
„Denn es ist die Schönheit, die mir fehlt, sie ist wichtiger, ich will die Schönheit verführen.“

Und so habe ich in der Ungargasse, in der Stille, die an diesem Samstagnachmittag dort herrscht, das Gefühl, dass nichts eindeutig ist – das ist nicht neu und ich kann mich dennoch nicht entziehen. So wie sich auch das Ich, „eine Unbekannte“, scheint mir, im Roman weder entziehen kann, noch will. „Wien schweigt.“

Und dann ist das vielleicht auch alles eine einzige Einbildung, ein großer Irrtum, beinahe ein Betrug. Malina würde meine vorangegangenen Gedanken vermutlich so oder ähnlich in die Schranken weisen. – „Malina: Du hast dir immer zuviel vorgestellt.“ – Aber auch Malina ist vielleicht eine einzige Einbildung, ein großer Irrtum, ein Betrug. In einem Interview verneint Bachmann, dass es sich bei „Malina“ klar um einen autobiographischen Roman handle, „weil ja keine Geschichte erzählt wird, weder von dieser Frau, noch von diesem Mann, noch von ihrem Doppelgänger“. Auch im Roman gibt es genügend Andeutungen, deutlichere und undeutlichere. – „Bin ich eine Frau oder etwas Dimorphes?“ – Malina als Doppelgänger der Ich-Erzählerin zu lesen, wirft ein irres Streulicht auf die gesamte Erzählung. Und das passt in gewisser Weise zu dem Bild der Himbeere, dieser heilsamen (sagt man), hochsommerlichen, halbhohlen, saftigen, sinnlichen Sammelsteinfrucht, diesem Rosengewächs, dessen Blätter, als Himbeerblättertee, angeblich für die Geburtsvorbereitung förderlich sein sollen, dieser Beere, die sich in dem eigentümlichen Namen des Romans und des Manns mit diesem Namen und des Doppelgängers verheißungsvoll versteckt. „Ich schaue in das Glas als stünde ein zweites darin, und es fällt mir wieder ein“. Malina ist berechenbar und unheimlich zugleich. Im Roman bricht Malina, letztlich, alle Versprechen seines Namens. In und an und mit Malina scheint alles, letztlich, zerbrechen zu müssen. „Wien brennt!“

Zwiespältig schrieb ich zu Beginn, dabei scheint sich alles um die Zahl drei zu drehen. In der Zusammensetzung des Romans aus drei Teilen (vielleicht auch vier, es gibt da noch den anfangs erwähnten, nicht mit einem eigenen Titel versehenen Auftakt), im Aufbau, ebenso wie in verschiedenen Motiven, den drei Steinen, drei Sätzen, drei Männern, drei Mördern, drei große Prüfungen, drei Blutstropfen, selbst der Uhrzeit am Ende des ersten Kapitels, drei Uhr, und den Hausnummern, 6 und 9, in der Ungargasse, im dritten Bezirk. Und doch, das Dritte möchte man, scheint mir, streichen, um zurück ins einfachere, beinah traumgleiche Zweisame zu finden. So wie es in „Malina“ vielleicht nur in der Geschichte von der Prinzessin von Kagran und dem Fremden auftaucht. Oder in der Erinnerung, in dem zarten Bild, das Bachmann einmal für den Versuch, sich etwas (Unmögliches) zu wünschen, findet: „nicht ein, sondern zwei Stück Zucker hab ich deswegen abends ins Fenster gelegt“. Oder in dem flüchtigen, spielerisch ernsten Ideal von Zweien, die sich an einem Schachbrett gegenübersitzen, wo nur gilt: „toucher et jouer“.

Es gibt in „Malina“ keine Dialoge. Obgleich die Dialogform an vielen Stellen inszeniert wird. Obgleich, unermüdlich, alle Register der Kommunikation gezogen werden. Selbst Kellner und Postboten verweigern die einfachen Vermittlungsdienste, was sie der Frau, die ‚Ich‘ sagt, die ‚Ich‘ ist im Roman, allerdings eher näherbringt. Sämtliche Techniken der Vermittlung, sämtliche Beziehungskonstellationen, sämtliche Textformen, selbst Musiknoten, Farben, Opernzeilen, Referenzen, Papierfetzen, fremde Riten, fremde Sprachen, fremde Kinder, fallende Bücher werden bloß zum immer wirreren, absurderen, traurigeren Kabelsalat: „Ich werde schon meine Gründe haben alles immer mehr durcheinander zu bringen.“, aber dann wiederum auch: „mach das ganze Licht an! Zünd auch den Leuchter an.“ und „ich möchte noch einige Dinge in Ordnung bringen“. Kunst und Technik, die Kunst und die Techniken des Sprechens, sind Knoten, Kriminalfälle gewissermaßen, die nicht gelöst werden. Einen Ausweg aus diesem Labyrinth, ein Aufwachen aus diesem Albtraum, eine Ruhe in diesem Getöse, „in dieser Welt, die nicht Welt ist“, gibt es scheinbar nicht. Nicht in der Erinnerung. Nicht in der Erzählung. „Ich erzähle nicht, ich werde nicht erzählen, ich kann nicht erzählen, es ist mehr als eine Störung in meiner Erinnerung.“ Ein Schlüssel reicht bei weitem nicht. Ebenso wenig ein Brief. Selbst und gerade die „wirklichen Briefe“ werden immer zerrissen, „zerknüllt, nicht beendet, nicht ab[ge]schickt, weil sie von heute sind und weil sie in keinem Heute mehr ankommen werden.“.







Die Worte und Sätze und Satzgruppen, obwohl ihnen alles abverlangt wird, kommen in „Malina“ nie an, es muss dennoch, beinah an Beckett erinnernd, immer weiter versucht werden, „nur reden muss ich immerzu reden, um mich zu retten“. Die unzähligen Anspielungen und Ansprachen zahlen sich zuletzt nicht aus. Einmal gibt es kurz ein Kind, doch es ist ein namenloses, ein ungeborenes Kind. Eine von mehreren Vorwegnahmen der (erst 2000 unter dem Titel „Ich weiß keine bessere Welt“ veröffentlichten) Gedichte aus Bachmanns Nachlass. Das Kind wird, noch bevor sich das Ich vor es stellen kann, erschossen. „Es ist der ewige Krieg.“

Hinaus kann nur, kursiv, die Geschichte führen, aber auch die bricht ab, es erscheinen nur noch Splitter, Wortscherben, bis sie verstummt. Ivan ist ein Verbündeter und ist es nicht. Ich denke an Iwan Karamasow, finde ihn aber nicht so recht wieder in Ivan. Ich lese, später, dass sich der Name Ivan von Johannes ableitet, aus dem Hebräischen übersetzbar mit „der Herr ist gnädig“, lese: „Somit ist der Name [Johannes] als Dankname zu verstehen“. Den entrückten Danknamen finde ich wieder im Ivan des Romans. Die Liebe zu Ivan ist eine leidenschaftliche und zugleich religiöse Liebe. Doch die Frau im Roman scheitert an ihr, wie Dostojewskis Iwan an der Religion scheitert. Der Dank verheißt keine Rettung – weder in der Liebe noch in der Religion. Nah war nur der Fremde. Der Vierte, von dem sich nicht reden lässt. Oder vielleicht sogar nur sein Mantel. Nähe fühlt man, hier, in der Ungargasse, nur im geöffneten Fenster, im Fensterrahmen, auf der Fensterbank, „vor einem Fenster werden wir stehen, lass mich ausreden!“, wo sich, unvermittelt, spürbar, weder klar trennbar, noch vereinbar, Innen und Außen berühren dürfen. Das konzentrierte, davonsehnende Eigene und die gewaltige, heranbrandende Ferne. Und kein Drittes. „Ich: Doch. Eine Ausnahme.“

In der Ungargasse finden sich berührbare, schöne, stille, alltägliche, abgelegene, etwas zu verheimlichen scheinende Räume, Flächen, Einzelheiten, Hinterhöfe – „immer entgeht mir etwas, aber inwendig“. Und, es überrascht beinah, alle Fenster lassen sich öffnen. – „Auch die Fenster habe ich noch alle aufgemacht.“ – Die Nähe von Dichtung und Leben, das Potenzial und die Gefahr dieser Nähe, ist, manchmal, schwer erträglich. Es flimmert in „Malina“ und genauso flimmert es in der Ungargasse 6, Wien III. Seltsamerweise habe ich in dem Winter, in dem ich in Wien gelebt habe, vor sieben Jahren, selten in den 3. Bezirk gefunden. Vertraut ist mir hier lediglich der Stadtpark. Die unberührt bleibende Nähe des Stadtparks im Roman wird, wenn man selbst den „Weg zum Stadtpark hinunter“ macht, ganz nach- und unnachvollziehbar, und man weiß nicht so recht, von wo nach wo der Schatten fällt, von der Gasse auf den Park oder umgekehrt.


Als ich mich von der Ungargasse in den Stadtpark hinübergetraut habe, nachher, war es dort „ganz ruhig“ und war dort ein so eigentümliches Licht, dass das Heimische und Unheimliche, Verwunschene und Verfluchte der Ungargasse, kurz völlig in Vergessenheit geraten schienen oder allemal wie ein doch etwas unwirkliches Spiel wirkten im Vergleich – „da bist du ja, wenn du nur da bist, ach endlich, endlich!“. In Orten, vertrauten wie unvertrauten, lassen sich, das weiß ja auch Bachmann, Personen wunderbar verstecken. Im Stadtgarten habe ich, um die Anspielung aufzulösen, natürlich neben Bachmann Celan gesucht. Ein Weg hinaus aus der Erzählung, zurück, für einen kurzen Moment, in die Dichtung.
„Da Malina schläft, fange ich zu schreiben an.“
(Alle Zitate aus: Malina. I. Bachmann)

Nasima Sophia Razizadeh, Schriftstellerin_Köln_ acting Malina _
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Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971
Nasima Sophia Razizadeh, Schriftstellerin _ Köln
Aktuelle Bucherscheinung: „Sprache und Meer“ Nasima Sophia Razizadeh. Matthes&Seitz Berlin
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Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.
Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.
Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.
Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.
Interview und alle Fotos_Romanschauplatz _ Malina_Wien _ Walter Pobaschnig 12/23
Walter Pobaschnig