„Viel, viel lauter müssen wir werden, auch im »Kulturbetrieb«“ Andreas Pflüger, Schriftsteller _ Berlin 10.11.2023

Lieber Andreas Pflüger, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Der neue Roman kam am 9. Oktober heraus, also trabe ich jetzt Tag für Tag in die Zirkusarena, gebe Interviews, habe Fototermine, mache Lesungen und bin fast jeden Abend in einer anderen Stadt. Früher habe ich das gehasst, aber seit Corona – dem Wegbrechen so vieler Veranstaltungen – genieße ich jeden einzelnen Auftritt. Anfang November las ich im Saarland, meiner alten Heimat.

Andreas Pflüger, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir müssen dem Antisemitismus entgegentreten, der sich in »Demonstration« genannten Zusammenrottungen von Israelhassern Bahn bricht. Viel, viel lauter müssen wir werden, auch im »Kulturbetrieb«, wo man derzeit ja staunt, dass viele von denen, die bei jedem Scheiß das Maul aufreißen, beschämend still geworden sind, wenn es um die Verurteilung des Hamas-Terrors geht. Ein salopper Antisemitismus ist unter Künstlern und Veranstaltern hoffähig geworden, wir wissen es alle, schon lange. Für diese Menschen kann ich mich nicht mal mehr schämen, ich verachte sie.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur ist immer politisch, jedenfalls meine. Dennoch halte ich wenig davon, als Autor zu jeder politischen oder gesellschaftlichen Entwicklung Stellung zu beziehen. Das ist kein Widerspruch zu meiner Antwort auf die vorherige Frage. Autoren sind nicht per se klüger als Politiker, und aus ihrem Blick auf die Welt lässt sich in den seltensten Fällen eine Maxime für ein besseres Miteinander ableiten. Literatur sollte das tun, was sie am besten kann: die Welt mit poetischen Mitteln deuten, das Schreckliche im Komischen zeigen und das Komische im Schrecklichen.

Was liest Du derzeit?

Deepti Kaapor, »Zeit der Unschuld« – und zwar zum zweiten Mal. Im Sommer habe ich einen ersten Anlauf gemacht; das Buch hat mich sprachlich überzeugt und auf den ersten hundert Seiten sogar begeistert, doch dann habe ich die Lektüre abgebrochen, aus einer Reihe handwerklicher Mängel, die aufzuzählen hier zu weit ginge. Dennoch habe ich beschlossen, dem Roman eine zweite Chance zu geben. Ich bin nun schon auf Seite 250, 20 Seiten weiter als ich im Sommer kam, also ist vielleicht doch noch nichts verloren. Übrigens bin ich ein großer Freund von zweiten Chancen, in der Literatur und im Leben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Sollte am Ende noch Zeit sein

will ich mich nicht fragen

warum ich sterben muss

sondern wissen

warum ich gelebt habe.

(Aus meinem Roman »Endgültig«)

Andreas Pflüger, Schriftsteller _
Fernsehstudio

Vielen Dank für das Interview, lieber Andreas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Buchprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Andreas Pflüger, Schriftsteller

Zur Person _  Andreas Pflüger wurde 1957 in Thüringen geboren. Er wuchs im Saarland auf und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Zu seinen Werken zählen Theaterstücke, Hörspiele, Drehbücher, Dokumentarfilme und Romane. Nach dem Spionagethriller Operation Rubikon, seiner preisgekrönten Bestseller-Trilogie um die blinde Elitepolizistin Jenny Aaron und Ritchie Girl legt Pflüger nun seinen sechsten Roman vor.

Burgdorfer Krimipreis 2020

Deutscher Krimipreis 2018

Stuttgarter Krimipreis 2018

Hypovereinsbank-Krimipreis 2018

Aktuelles Buch: Andreas Pflüger, Wie Sterben geht. Thriller. Suhrkamp Verlag.

„Winter 1983. Auf der Glienicker Brücke ist alles bereit für den spektakulärsten Agentenaustausch der Geschichte. KGB-Offizier Rem Kukura – Deckname Pilger – soll gegen den Sohn eines Politbüromitglieds ausgetauscht werden. Mittendrin: Nina Winter, die Kukura als Einzige identifizieren kann. Doch auf der Brücke wird Nina in ein Inferno gerissen, und das Schicksal von ihr und Rem wird zu einer Frage von Krieg und Frieden zwischen den Supermächten.

Drei Jahre zuvor: Nina ist Analystin beim BND und wertet Spionage-Informationen aus. Eine Schreibtischagentin. Bis man ihr mitteilt, dass Pilger, der geheimnisvolle Moskauer Top-Agent des BND, seine weitere Zusammenarbeit von ihr abhängig macht: Er will, dass Nina als seine Führungsoffizierin nach Russland kommt. Sie weiß, dass es die Chance ihres Lebens ist. Doch Nina ahnt nicht, dass sie beim KGB einen Todfeind haben wird. Um zu überleben, muss sie zu einer anderen werden, zu einer Frau, die mit dem Tod tanzt.“

Erscheinungstermin: 09.10.2023

Fester Einband mit Schutzumschlag, 448 Seiten, Sprachen: Deutsch

978-3-518-43150-4

Suhrkamp Verlag, 1. Auflage, Originalausgabe

25,00 € (D), 25,70 € (A), 35,50 Fr. (CH)

ca. 13,4 × 21,6 × 3,2 cm, 558 g

https://www.suhrkamp.de/buch/andreas-pflueger-wie-sterben-geht-t-9783518431504

Walter Pobaschnig _ 2.11.2023

https://literaturoutdoors.com

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