Station bei Malina _ „Woran verzweifelt sie, woran verzweifeln wir heute?“ _Zarah Weiss, Schriftstellerin _Wien 9.11.2023

Station bei Malina_
Zarah Weiss, Schriftstellerin _Wienacting Malina _
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien  
50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.

Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.

Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.

Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.

Romanschauplatz Malina _ Ungargasse

Station bei Malina_
Zarah Weiss, Schriftstellerin _Wienacting Malina _
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien  
50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Liebe Zarah Weiss, wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien. Sind Dir die Orte hier vertraut?

Gar nicht, in der Ungargasse bin ich zum ersten Mal! All meine Wiener Jahre habe ich bisher nur irgendwo an der U6 gewohnt. An meinem allerersten Abend in Wien war ich allerdings hier um die Ecke im Kino, das war ein besonderer Start in der Stadt.

Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und dem Roman Malina?

Malina habe ich das erste Mal recht jung gelesen – ohne mich je mit Bachmann beschäftigt zu haben. Es hat mich gepackt, aber ich konnte nicht genau sagen, warum. Jetzt habe ich den Roman zum zweiten Mal gelesen, mit mehr Hintergrund. Gerade vor kurzem habe ich auch von Trottas Film über Bachmann und Max Frisch und Beckermanns Film über den Briefwechsel Bachmann – Celan im Kino gesehen. Bachmann war beim Lesen für mich unglaublich nahbar und ich habe viel mehr mitgenommen als beim ersten Mal. Das ist ein Buch, das sich immer wieder neu entdecken lässt.

Welche Eindrücke hast Du von den Schauplätzen in der Ungargasse, die wir besucht haben?

Es ist ganz schräg, ich habe wirklich das Gefühl, als könnten Ivan oder die Erzählerin jederzeit um die Ecke kommen!
Ich habe gelesen, dass Bachmann den Roman in Rom geschrieben hat, aber es kommt mir vor, als würde sie mit ihrer Schreibmaschine hinter einem dieser Fenster sitzen, so nah ist ihr Text.

Wie siehst Du den Aufbau und das Konzept des Romans?

Am Anfang nimmt die Erzählerin mich bei der Hand und zieht mich ins Buch. Ich gebe mich ihren Hoffnungen hin, spüre ihre Unruhe – bis alles zusammenbricht. Hier schaue ich dann plötzlich von außen auf das, was ich lese: Woran verzweifelt sie, woran verzweifeln wir heute? Der dritte Teil fragt mich dann ganz direkt: Wie kann oder soll ein Leben in dieser Welt möglich sein?

Was sind für Dich zentrale Themen und Aussagen des Romans?

Das Patriarchat, der Zweite Weltkrieg, Nationalsozialismus, die Rolle der Frau, Beziehungen, Identitätsfindung, das In-die-Welt-geworfen-sein, sich öffnen, sich selbst behaupten, Kommunikation, Schuld, Gewalt, Angst, Hoffnung

Aber vielleicht nenne ich beim nächsten Lesen wieder ganz andere Punkte. Ich glaube, dass dieser Roman sich jeder Person anders erschließt.

Wie ist die Beziehung zwischen Mann und Frau im Roman dargestellt und wie ist dies heute zu sehen?

Die Erzählerin wirft sich hoffnungsvoll in die Beziehung mit Ivan und wird von ihm doch immer wieder hingehalten, zurückgewiesen, enttäuscht. Die Vaterfigur im zweiten Teil ist für mich gleichzeitig auch Bild für die männliche Welt an sich. Die Erzählerin kann darin nicht überleben.

Bis heute hat sich etwas mehr getan auf dem Weg zur Gleichberechtigung, aber die gesellschaftlichen Voraussetzungen und Rollenbilder führen Frauen immer noch häufig in ein Abhängigkeitsverhältnis. Unterdrückung ist unsichtbarer geworden, aber immer noch da.

Wie beurteilst Du die Protagonisten Ivan, Malina, Ich-Person in Ihrem literarischen Kontext bzw. dem Kontext der Autorin und Ihrer Biographie?

Malina wird ja teilweise auch als Antwort auf Frischs Mein Name sei Gantenbein gelesen, das ich direkt nach der Lektüre angefangen habe.

Ich sehe das Buch aber ganz grundsätzlich als eine Antwort Bachmanns auf die Welt, in der sie lebte. Sie hat sich geweigert zu heiraten, den Konventionen zu unterwerfen und ist damit angeeckt, auch bei Frisch. Gleichzeitig waren ihre Beziehungen von so viel Unsicherheit geprägt, das zeigt sich für mich auch in Malina, und ich bin sehr dankbar für die Offenheit, mit der sie darüber schreibt.Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist bild3-20.jpg

Ich bin gespannt auf den Briefwechsel zwischen Bachmann und Frisch, der vor kurzem veröffentlicht wurde – und nachdem ich im Film Anja Plaschg und Laurence Rupp beim Lesen der Briefe von Bachmann und Celan zusehen durfte, steht Herzzeit auch ganz oben auf meiner Leseliste.

Wie siehst Du das literarische Konzept des dreistufigen Aufbaus des Romans?

Ich konnte durch die klare Unterteilung den Roman für mich klarer einordnen. Am Anfang direktes Eintauchen in die Verliebtheit, dann die fieberhaften Albtraumsequenzen, zuletzt die Krise. Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass die drei Teile auch für sich allein stehen könnten und trotzdem noch wirken würden. In ihrer Gesamtheit aber entwickeln sie eine Wucht, die regelrecht erschlägt.

Welches Frauen- und Männerbild spricht Ingeborg Bachmann in Malina an und wie aktuell ist dies heute?

Es hat sich sicher einiges verändert, aber dass Bachmann die Zeit in Malina nicht genau einordnet, zeigt, wie zeitlos die Problematik ist. Stereotype und binäres Denken, Rollenbilder und Unterdrückung, toxische und manipulative Beziehungen gibt es heute noch genauso. Manches lässt sich klarer benennen, manches ist viel unsichtbarer geworden. Für ein aktuelles Projekt beschäftige ich mich gerade mit Femiziden. Die Zahl dieser Morde, die immer noch als Beziehungsproblem der „Anderen“ verharmlost werden, steigt rasant und zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Wir alle kennen Opfer (sexualisierter) Gewalt, Täter scheinbar nur wenige. Sehr gute Lektüre in diesem Zusammenhang ist Asha Hedayatis kürzlich erschienenes Buch „Die stille Gewalt“, das genau auseinandernimmt, wie gewaltvoll auch die staatlichen Strukturen sind und den Frauenhass fortsetzen. Es ist noch viel zu tun.

Welchen Einfluss hatte und hat der Roman auf die Entwicklung von Literatur, Kunst und Emanzipation und Gesellschaft?

Der Roman ist immer wieder neuinterpretiert worden, noch heute werden neue Lesarten entdeckt. Ich denke, dass ein gleichzeitig so unbestimmtes, so poetisches und so radikales Buch mit Nutzung all der Kommunikationsformen sehr einzigartig ist. Bachmann schafft es, gesellschaftliche und patriarchale Strukturen in einer Zeit zu kritisieren, in der diese teilweise nicht einmal klar benennbar waren. Gleichzeitig ordnet sie es absichtlich zeitlich nicht ein. Den zweiten Teil lese ich zunächst als Nachkriegsliteratur, aber er kann auch auf Probleme einer anderen Zeit übertragen werden. Malina ist ein Buch, auf das sich immer wieder zurückkommen lässt.

Wie siehst Du das Ende des Romans?

„Es war Mord“ – die Erzählerin stirbt, verschwindet in der Wand – eine Existenz in der patriarchalen Welt ist ihr unmöglich geworden. Die männlichen Figuren im Roman, in der Gesellschaft vernichten sie; Malina in ihr lebt weiter.

Gab es in Deinen Literatur-, Kunstprojekten Berührungspunkte zu Ingeborg Bachmann?

Oft blicke ich auf die Texte zurück, die ich geschrieben habe, und sehe, dass sie sich im Grunde fast alle damit beschäftigen, was es bedeutet sich in einer patriarchalen Welt zu bewegen – manchmal direkt, oft als Unterton. Das sehe ich auch als großes Thema bei Ingeborg Bachmann.

Ich liebe außerdem ihre genauen Beobachtungen und ihre gleichzeitig klare und poetische Sprache – das ist etwas, das ich anstrebe – sie ist ein großes Vorbild für mich.

Du bist wie Ingeborg Bachmann als Schriftstellerin nach Wien gezogen. Was bedeutet Dir Wien und welche Erfahrungen hast Du hier als Künstlerin gemacht?

Durch Wien weht noch ein alter Geist. Wenn ich durch die Stadt spaziere, vorbei an verblichenen Schildern und Kaffeehäusern, überlege ich immer, was hier schon alles für Geschichten passiert sind, welche Menschen hier schon gelebt haben. Und parallel dazu ist die Stadt so modern und wandelbar, jeder Bezirk hat seine eigenen charakteristischen Ecken, so viele Menschen kommen zusammen. Ich habe das Gefühl, hinter jeder Ecke lauert eine neue Geschichte.

Wien kann aber auch so verschlossen sein. Feindselig, nationalistisch.

Gleichzeitig wird die Kultur, die Literatur hier sehr unterstützt. Es könnte noch viel mehr sein, aber gerade die Stadt Wien fördert Projekte, die gerade erst entstehen, und das ist extrem wertvoll.

Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?

In diesem Jahr habe ich mich etwas von der Prosa wegbewegt und arbeite gerade parallel an einem Theaterstück und einem Drehbuch – letzteres wird im Rahmen der Drehbuchwerkstatt an der HFF München erarbeitet. Das Theaterstück verwebt eine Geschichte von heute mit einer unfassbaren Anekdote, die vor hundert Jahren geschah.

Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?

Oh ja! Ich würde mit ihr einen Verlängerten nach dem anderen in einem Kaffeehaus trinken und dann durch die Stadt spazieren – am Nachmittag vielleicht auch raus in die Weinberge. Ich hätte so viele Fragen!

Darf ich Dich abschließend zu einem Malina Akrostichon bitten?

M ann –

A ch

L iebes

I ch

N enne damit doch

A uch Dich, die Frau

Station bei Malina_
Zarah Weiss, Schriftstellerin _Wienacting Malina _
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien  
50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Zum Projekt: Das Bachmann Projekt „Station bei Bachmann“ ist ein interdisziplinäres Kunstprojekt an den Schnittstellen von Literatur, Theater/Performance und Bildender Kunst.

Dabei kommt den topographischen und biographischen Bezügen eine besondere Bedeutung zu, indem Dokumentation, Rezeption und Gegenwartstransfer, Diskussion ineinandergreifen.

Künstler:innen werden eingeladen an diesem Projekt teilzunehmen und in ihren Zugängen Perspektiven zu Werk und Person beizutragen.

Den Schwerpunkt bildet dabei Werk und Leben Ingeborg Bachmanns. Ebenso weitere Künstler:Innen.

Station bei Malina_Roman Ingeborg Bachmann_Wien_1971

im Interview und szenischem Fotoportrait_acting Malina:

Zarah Weiss, Schriftstellerin _Wien
Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann (1971) Wien  

2023 _ 50.Todesjahr_Ingeborg Bachmann_ Schriftstellerin (25.Juni 1926 Klagenfurt – 17.Oktober 1973 Rom)

Interview und alle Fotos_Romanschauplatz _ Malina_Wien _ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com 11/23

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