Lieber Armin Baumgartner, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Meistens wache ich nach dem Schlafen auf. Dann stehe ich auf. Dann mache ich mir einen Kaffee. Dann gehe ich aufs Klo. Dann dusche ich. Dann beginnt die eigentliche, jeden Tag sich aufs Neue stellende Aufgabe: die Antwort auf die Frage zu finden, weshalb immer noch – nach alldem, was wir aus der Geschichte wissen – so viele Menschen einer menschenverachtenden Ideologie anheimfallen und sich gegenseitig unablässig die Schädel einschlagen.
Dann wird es meist dunkel und ich gehe wieder zu Bett.
Dass ich zwischendurch auch liebe, fürs Geldbörsel sowie für die Erhaltung der Demokratie arbeite, Texte verfasse, Essen zubereite, hin und wieder auch putze, Rad fahre, wandern gehe oder einem anderen Vergnügen fröne, also auch richtig lebe, gebe ich gern zu.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ganz einfach: sich weniger wichtig zu nehmen und herzhaft über sich selbst lachen zu können. Und ein bisserl mehr Diskurs, also miteinander und nicht gegeneinander reden.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Wir stehen oder besser: liegen jeden Tag vor einem Neubeginn, bevor wir aufgewacht sind. Und an jedem neuen Tag kann auch plötzlich ein Weg zur Kernfusion gefunden und all unsere Energieprobleme gelöst worden sein. Also ist die Hoffnung wesentlich, entgegen jeglichen Erfahrungswerten. Welche andere Wahl hätte man? Aufgeben? Die Begegnung mit Freunden, bereichernde Gespräche mit einem geliebten Menschen, ein gutes Essen, ein erhebender Rausch, ein herzhafter Schas, das alles ist doch ein Geschenk. Um sich all das zu erhalten, kann man 100 km/h auf der Autobahn locker akzeptieren. Die Kunst und somit die Literatur wie auch alle anderen Kunstrichtungen, sie werden die gesellschaftlichen Veränderungen beobachten und immer die Möglichkeit bieten, einen Perspektivwechsel vorzunehmen und dadurch neue Erkenntnisse zu erlangen. Das hoffe ich übrigens auch.

Was liest Du derzeit?
Eine überraschende Frage. Immer und immer wieder von Ernst Bloch „Spuren“, ich blättere in Ludwig Felsens „Mit mir hast du keine Chance“, dann habe ich mir „Abendsport zweimal“ von Helmut Eisendle eingedenk seines 20. Todestages wieder zur Hand genommen, auf dem Nachtkastl steht immer noch der erste Teil von Victor Klemperers Tagebüchern, und soeben habe ich Harry Mathews’ „Der Obstgarten“ beendet.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielleicht einen Satz, der mir kürzlich nach dem Erwachen erschienen ist, der mir zudem äußerst befremdlich erscheint und von dem ich noch nicht genau weiß, in welchen Text ich ihn einbauen werde: „Wenn man einen falschen Hasen isst, heißt das noch lange nicht, dass man einen richtigen scheißt.“

Vielen Dank für das Interview lieber Armin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Armin Baumgartner, Schriftsteller und Korrektor
Zur Person _ Armin Baumgartner
Geboren 1968 in Neunkirchen, NÖ. Lebt und arbeitet in Wien als Korrektor und Schriftsteller. Schreibt Prosa, Lyrik und Drama. Mehrere Einzelpublikationen, diverse Beiträge in Literaturzeitschriften und Anthologien sowie im Feuilleton. Mitglied der GAV, des Literaturkreises Podium und seit 2021 im Vizevorstandsvorsitzender des Österreichischen Schriftsteller/innenverbands.
Einzelpublikationen:
„Brammer sieht Schwarz und sie lesen etwas“ (Triton, 2002)
„96 – das fremde buch in mir“ (uhudla-A, 2006)
„Die Wucht des Banalen“ (2012) und „Almabtreibung“ (2014, beide Kitab, Klagenfurt)
„Knappe Titel“, gemeinsam mit Rudolf Kraus (Verlagshaus Hernals, 2021)
„Klopfzeichen aus der Vergangenheit“ (Verlagshaus Hernals, Herbst 2023)
Preise und Auszeichnungen (u. a.):
Die Goldene Margerite 2004, Alois-Vogel-Preis 2014
Projektstipendium 2016/17 des BMUKK
Mehrere Arbeitsstipendien des Kulturministeriums
Fotos_S/W-Foto Matthäus Anton Schmid; Farbfotos: Rudolf Kraus, Bearbeitung: Armin Baumgartner
28.9.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.