„dass es Theater geben wird, solange es Menschen gibt“ Julia Stiegler, Schauspielerin _ Hamburg 24.9.2023

Liebe Julia Stiegler, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tatsächlich sind meine Tage derzeit noch alle recht unterschiedlich. Ein Kanne Tee am Morgen scheint da manchmal die einzige Konstante. Es gibt Tage, an denen verbringe ich den Großteil meiner Arbeitszeit am Computer. Dann gibt es zum Glück auch Tage, an denen Text lernen und / oder Proben mehr Raum nimmt. Was für mich nie zu kurz kommen darf ist die Bewegung. Ich brauche das, spazieren zu gehen, um die Gedanken wandern zu lassen. Musik anzumachen und einfach zu Hause zu tanzen.

Manchmal wünschte ich, ich könnte sagen, ich stehe jeden Morgen zur exakt selben Zeit auf, gehe in die Arbeit, komme nach Hause, bereite ein Abendessen zu, schaue eine Folge einer Serie oder lese ein Buch und gehe schlafen. Aber gleichzeitig liebe ich auch die Abwechslung, die das Leben als Freischaffende mit sich bringt.

Julia Stiegler, Schauspielerin, Sängerin_
(c) Julia Windischbauer

Nachtrag: dass ich diesen Absatz geschrieben hab ist nun schon ein paar Monate her – inzwischen bin ich in einem neuen Projekt tätig – ich spiele Montag-Freitag ein Präventions-Theater-Stück zum Thema Drogen an Schulen. Dadurch sind meine Tag zwar super strukturiert – ich bin allerdings auch jeden Tag in einer anderen Stadt und viel – mit meiner Spielpartnerin – im Auto unterwegs ☺ die (teils unmittelbaren) Begegnungen mit den Jugendlichen in unserem Nachgespräch ( & natürlich auch dem erwachsenen Publikum /
Sozialarbeiterinnen / Berufsschülerinnen) sind sehr bereichernd.

Julia Stiegler in „Ausgeliefert!“ Stückentwicklung der Theaterkompanie BIISH _
Freies Theater Innsbruck 2023 _
(c) Alena Klinger _ folgendes

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wissen, was uns gut tut. (Und das muss natürlich jeder für sich – vielleicht auch immer wieder aufs Neue – herausfinden) Ich finde es manchmal beruhigend, uns daran zu erinnern, dass das Leben stets im Fluss ist und kein Zustand endgültig. Gleichzeitig helfen kleine Rituale, Fixpunkte und natürlich Zeit mit Menschen, die der Seele gut tun.

Julia Stiegler in „Bacchen“ 2021 _
(c) Benjamin Strobel _ folgendes

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Puh. Ich weiß nicht ob ich das so „richtig“ beantworten kann. Wir wurden letztens an einer Schule von einer Person aus dem Lehrenden-Team im Nachgespräch zu unserem Theaterstück gefragt, ob wir (nicht) der Meinung seien, dass das Theater sowieso im Angesicht von Serien-Giganten, Streaming Anbieterinnen-Überfluss & dem Strom von Reels / Ultra-Short-Videos (bzw. der damit einhergehenden, verkürzten Aufmerksamkeitsspanne (nicht nur) von Jugendlichen) unweigerlich sterben wird. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es Theater geben wird, solange es Menschen gibt (salopp gesagt funktioniert das ja auch in die entgegengesetzte – zeitliche – Richtung).

Was das Theater (in all seinen Formen von Schauspiel über Tanz bis Performance) von allen anderen Kunstformen abhebt ist immerhin die Einzigartigkeit der Konfrontation im Hier und Jetzt. Die Momente auf der Bühne sind flüchtig. Das „Kunstwerk“ entsteht und vergeht sozusagen vor den Augen des Publikums. Das macht Theater – denke ich – so besonders. Und ich glaube, dass die Begegnung, die ein Publikum in einem Theatersaal – oder wie auch immer gearteten „Performance-Space“ – mit dem Geschehen auf der Bühne hat
den Zusehenden viel mehr über sie selbst verrät, stärker und dauerhafter zur Reflexion mit den eigenen Gedanken führt, als dies andere bzw. digitale – visuelle Formen vermögen.

Für mich persönlich ist Theater / Spiel der Ort, an dem das Leben konzentriert
passieren darf & das empfinde ich als das größte Geschenk überhaupt!

Julia Stiegler in „am beispiel der butter“_
(c) Benjamin Strobel

Was liest Du derzeit?

Im Überschwang – von Hannelore Elsner
Mein Stück Zeit – von Juri Breznan
& immer wieder: Leben. Schreiben. Atmen – von Doris Dörrie


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“Lass dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Man muss nur gehn: Kein Gefühl ist das fernste.”

-Rainer Maria Rilke
(wobei ich die englische Übersetzung fast lieber mag ☺ )
Let everything happen to you. Beauty and terror.
Just keep going. No feeling is final.

Rainer Maria Rilke

In Venus“ _
dance shooting _ (c)Lea Bethke (dop)

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

 Julia Stiegler, Schauspielerin, Sängerin_
(c) Julia Windischbauer

5 Fragen an Künstler*innen:

Julia Stiegler, Schauspielerin, Sängerin

Zur Person _ Julia Stiegler, geboren in Innsbruck, studierte zunächst am Sprachen- und Dolmetscher- Institut in München, bevor sie ihr Schauspielstudium in Innsbruck&Passau absolvierte.

Während ihrer Studienzeit wirkte sie bei diversen Theaterfestivals wie dem
„steirischen herbst“ (2017), dem internationales Kunstfestival „Unter dem Pflug der
Zeit“ im Kosovo (2019 & 2021) oder auch dem feministischer Tanz-Performance-Film
„In Venus“ der Choreographin Edith Buttingsrud Pedersen mit.

Sie ist Mitbegründerin der Theaterkompanie BIISH deren Stückentwicklung
AUSGELIEFERT! 2023 im bruxx (freies theater innsbruck) sowie beim Schäxpir Festival
in Linz zu sehen ist.

Mit dem Musik-Theater-Workshop „Katze Bartputzer und das Töne A-B-C“ aus der
Feder von Miriam Baghai-Thordsen tourte sie im Rahmen des Europäischen
Klassikfestivals 2022 durch Kitas in NRW und mit dem Team rund um „Katze
Bartputzer feiert Weihnachten“ spielte sie in Kindergärten der deutschsprachigen
Minderheit in Süddänemark.

Zur Spielzeit 2023 stand sie mit der „W.-Voigt-Life-Show“ und „Oh, wie schön ist
Panama“ erstmals mit dem Schauspielkollektiv Neues Schauspiel Lüneburg auf der
Bühne, u.a. beim Theatersommer Burg Bodenteich.

Seit August 2023 tourt sie von Hamburg aus mit dem Weimarer-Kultur-Express mit
dem Präventionstheater-Stück „Drogen“ im deutschsprachigen Raum an Schulen.
Der Fokus in ihrer freischaffenden Arbeit liegt auf dem Körper als gesamtheitliches
und transdisziplinäres „Instrument“ im „Hier & Jetzt“ des ( – wie auch immer
gestalteten – ) Theater-Raums

Fotos_ (c) vermerkt im Foto

16.9.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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