Liebe Susanne Kubelka, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, Kaffee machen, damit auf den Balkon rausgehen und die neuen Knospen anschauen. Im Herbst die dunkelblauen Windenblüten. Wenn es ein richtiger, geformter Tag ist, dann schreiben, bevor etwas anderes geschieht. Danach turnen, dann frühstücken. Dann üben und übergehen ins Komponieren oder Erfinden oder, wenn es eine Zeit ist, die das verlangt, erst Dinge organisieren und später üben und entwickeln.
Spazierengehen, laufen oder schwimmen und Ideen finden. Sie kommen nur so oder beim Aufwachen. Wenn es eine Probenzeit ist, vormittags und Abends proben und die anderen Dinge weniger tun. Viel singen, viel sprechen mit meinem Mann.

Autorin, bildende Künstlerin und Sprecherin_
in „Undine – Das Bachmannprojekt“ Susanne Kubelka und Dirk Schilling _ Heunburgtheater Kärnten 8/23 (weitere)
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Intuition. Zivilcourage. Zuhören. Vertrauen in den Körper. In allen Fragen.
Neugierde, Lust, Wut. Nicht still bleiben. Nicht moralisch erpressen lassen. Keine Selbstlügen zulassen, keine Beruhigungen. Dabei weich bleiben, nicht hart werden.
Auf diese Weise mutig sein. Riskieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Am Wesentlichsten erscheint mir, dass wir uns selbst wirklich spüren und kennen – dass wir nicht so tun, „als ob“. Zweifel, Fragen, radikales Ehrlichsein vor allem sich selbst gegenüber scheinen mir wahnsinnig wichtig.
In „Solaris“ sagt Kelvin „das Einzige, was die Menschheit retten kann, ist die Scham“. Das hat für mich mit Würde zu tun. Dass wir beispielsweise nicht teilen, weil es uns moralisch vorgeschrieben wird, sondern es tun, weil es unser tiefstes Bedürfnis ist, um uns aufrecht und stark zu fühlen. Weil auf diese Weise ein Lebenssinn entsteht, Großzügigkeit im Herzen.

Ich denke nicht, dass Katastrophenangst gut ist, sondern eine jeden Augenblick andauernde aufrichtige Suche nach dem Sinnvollen. „Wir sind die vom Leben Befragten.“ Das finde ich so schön bei Viktor Frankl.
Was haben wir zu geben? Die Suche danach kann, glaube ich viele gute Wege aufmachen, die wir noch nicht kennen und lässt dennoch den Einzelnen frei entscheiden. Nicht in Kategorien von richtig oder falsch. Nicht im Urteilen und Verurteilen.

Das Theater und die Kunst können uns ein Gefühl vermitteln für unser eigenes sinnvolles und aufrichtiges Handeln. Sie können feinnervige Messnadeln sein für das, was ganz allein für uns selbst Sinn macht und stimmt, für uns wirklich richtig ist. Wie Träume.
Fragen zu stellen, ohne die Antworten zu wissen. Die Antworten auf ganz seltsame Weise dann finden oder erkennen, Tage später. Das kann die Kunst sein. Jene Kunst, die kein richtig und falsch kennt. Jene Kunst, die konfrontiert, provoziert, verzaubert und uns durcheinanderbringt. In meinen Augen darf sie daher nicht angepasst sein. Sonst ist sie Unterhaltung. Das ist auch schön, aber ganz anders.

Was liest Du derzeit?
Graue Bienen von Andrej Kurkow; Ulrich von Christoph Kubelka; Shamanism, Colonialism and the Wild Man von Michael Tapsig; Gedichte von Giuseppe Ungaretti,

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
There is a crack in everything – that s, how light comes in.
Leonard Cohen

Autorin, bildende Künstlerin und Sprecherin
Vielen Dank für das Interview, liebe Susanne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Musik-, Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Susanne Kubelka, Schauspielerin, Regisseurin, Musikerin, Autorin, bildende Künstlerin und Sprecherin
Zur Person _ Susanne Kubelka, geboren in Klagenfurt/ Kärnten, besuchte das Musisch-pädagogische Gymnasium in Viktring, es folgte ein Studium im Bereich Schauspiel am Max-Reinhardt- Seminar in Wien.
Nach ersten Engagements in Deutschland wurde sie Ensemblemitglied am Theater in der Josefstadt in Wien, seit 2002 arbeitet sie frei. Neben Theater, Film, Funk und Fernsehen gründete sie 2005 zusammen mit Gerhard Roiss den Verein Coop 05, mit dem sie länderübergreifende Theater- und Musikprojekte realisierte. Schon während des Studiums beschäftigte sie sich intensiv mit der Erforschung der Stimme, 2007 begann sie, zu
komponieren.
2015 brachte sie ihre erste eigene spartenübergreifende Arbeit heraus, eine Vertonung des Lebens der Bildhauerin Camille Claudel. Es folgte „Absent Faces“, eine Zusammenarbeit mit der japanischen Künstlerin Leiko Ikemura, die im Museum Moderner Kunst Klagenfurt uraufgeführt wurde.
Durch einen Auftrag der Stadt Klagenfurt begann sie 2019, Installationen aus Lichtobjekten und Klang für den öffentlichen Raum zu entwerfen.
2020 gründete sie zusammen mit dem Musiker Dirk Schilling die Band
„Humming Lights“, 2023 die Künstlergruppe „Expedition Bela“. In ihren freien Projekten beschäftigt sie sich besonders mit Themen am Schnittpunkt zwischen Musik, darstellender und bildender Kunst.
Sie ist als Schauspielerin, Regisseurin, Musikerin, Autorin , bildende Künstlerin und Sprecherin tätig.
Fotos_Undine/Heunburgtheater Walter Pobaschnig; Portrait privat.
https://literaturoutdoors.com/2023/08/11/undine-das-bachmannprojekt-susanne-kubelka-dirk-schilling-begeisternde-urauffuhrung--heunburgtheater-karnten-10-8-2023/
Walter Pobaschnig _ 13.9.2023