Liebe Alexandra Lüthen, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Gemischt, wie immer. Ich habe viele sehr unterschiedliche Arbeitsfelder, beruflich wie privat. In der Vielzahl sind die Dinge nicht verlässlich planbar.
Ich habe mich vor einigen Jahren für absolute Flexibilität entschieden. Das bedeutet, dass ich meine unterschiedlichen Aufgaben und Projekte so bearbeite, voranbringe oder ruhen lasse, wie es der jeweilige Tag erfordert. Auf diese Weise gibt es Tage mit großen privaten Zonen genauso wie Arbeitstage, die einem ununterbrochenen Arbeitsstrom an einem literarischen Projekt folgen.
Ich lebe in Breite, Tiefe und Weite und liebe das sehr. Ich habe mich für alles entschieden. Das geht nur mit weichem Fokus und der Bereitschaft, dem Arbeits- und Lebensprozess zu vertrauen.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Meiner Erfahrung nach ist für uns alle besonders wichtig zu wissen, was für uns selbst gerade besonders wichtig ist. Und dann zu erkennen, dass jeder andere Mensch auch etwas hat, das für ihn selbst besonders wichtig ist. Die Sehnsucht, dieses ganz Eigene zu erfüllen, ist wiederum eine gemeinsame. Auf diese Weise gelingt Verbindung. Nicht in der Sache, aber im Sein. Und das kann Frieden schaffen.
Ein Zitat, das mich mein Leben lang begleitet, stammt aus Narziß und Goldmund: „Es ist nicht unsere Aufgabe, einander näherzukommen, sowenig wie Sonne und Mond zueinander kommen oder Meer und Land. Wir zwei, lieber Freund, sind Sonne und Mond, sind Meer und Land. Unser Ziel ist nicht, ineinander überzugehen, sondern einander zu erkennen und einer im andern das sehen und ehren zu lernen, was er ist: des andern Gegenstück und Ergänzung.“
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Wissenschaft, der Kunst an sich zu?
Loslassen. Die eigene Weichheit zulassen. Keine Angst haben, zu verlieren. Vertrauen. Es gibt keine andere Möglichkeit, als zu vertrauen. Ich vertraue darauf, dass es Verbindung gibt. Ich muss nicht immer wissen, was genau diese Verbindung begründet. Ich vertraue darauf, dass Verbindung bereits besteht und lebe danach. Gesellschaftlich ist es dasselbe. Die Gesellschaft gibt es ja nicht als Abstrakte. Die Gesellschaft ist ganz lebendig das, was die Einzelnen sind.
Die Kunst ist, was sie immer schon war. Die Kunst darf alles. Hier ist der Raum, in dem die Widersprüche sichtbar werden, Konfrontation, Annäherung, Verwandlung. Alles immer schon Themen der Kunst. Auch die Qualität der Kunst schwankt wie immer. Kunst dient idealerweise keinem Dogma. Kunst steht für Freiheit. Kunst darf schmerzen. Kunst darf trösten. Kunst ist nichts anderes als ein gerichteter Ausdruck des Lebens an sich.
Was liest Du derzeit?
Zuletzt gelesen habe ich „Der heutige Tag“ von Helga Schubert. Ein Buch, in dem man sitzen kann wie in einem Zimmer mit angelehnter Tür.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Rilke. Aus den Briefen an einen jungen Dichter. So alt kann man gar nicht sein, dass diese Empfehlung zu spät käme:
„Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.“
Vielen Dank für das Interview liebe Alexandra, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Alexandra Lüthen, Schriftstellerin
Zur Person_Alexandra Lüthen wurde 1977 in Westfalen geboren. Heute lebt sie in Berlin. Sie schreibt Kurzprosa, Romane und Sachbücher in Standardsprache und Einfacher Sprache.
Viele ihrer Texte wurden mit Preisen ausgezeichnet und zur Förderung ihrer Arbeit hat sie ein Stipendium des Landes Berlin bekommen. Sie findet: Literatur soll offen für alle sein. Weil Lesen ein großes Vergnügen ist und ein großes Vergnügen sehr wichtig für ein glückliches Leben.
http://www.alexandraluethen.de/die-autorin.html
Aktuelles Buch_Alexandra Lüthen „Paradiesfedern“

PARADIES·FEDERN Alexandra Lüthen
Broschur/Fadenheftung, 72 Seiten
ISBN 978-3-945653-30-2, € 12,50
Märchen sind nicht nur für Kinder.
Märchen sind für alle, die an Wunder glauben.
Und noch mehr für die, die das nicht mehr können.
Vielleicht gibt es sie wirklich:
Einen ziemlich dicken Mops mit wirklich weisen Gedanken.
Eine Krake, die mit Tee fast alles heilen kann. Nur sich selbst nicht.
Einen Drachen mit empfindlichen Ohren. Ein Monster, das noch an Kinder glaubt.
Oder den uralten Urwald, in dem erstaunliche Tiere zu Hause sind.
Außerdem ordentlich viele Prinzessinnen, einen Mann, der im Internet lebt,
eine kuchensüße Blumenfrau, eine ganze Menge Rum und sehr viel blaues Wasser.
Wer weiß?
Paradiesfedern, 2021, Passanten Verlag, ISBN 978-3-945653-30-2
Bücher im Passanten Verlag
Foto_Frederik Ahlgrimm
20.7.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.