Liebe Insa Segebade, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich vermeide bewusst, gleich morgens Emails zu lesen oder Nachrichten zu hören. Die ersten Stunden des Tages sollen ganz mir gehören, ich schirme mich vom Außen ab. Nach einem ersten Spaziergang mit dem Hund – Irlanda, ein ehemaliger Straßenhund aus Sizilien – wird der Vormittag zum Schreiben genutzt, zum Versinken in fiktive Welten, die doch auf den zweiten Blick sehr real sind, nur in ihren einzelnen Ebenen etwas verschoben.
Die Wirklichkeit hält dann ab dem Nachmittag wieder konkreter Einzug – mit Nachrichten, der Arbeit im Garten (wie herrlich, mit bloßen Händen in der Erde zu wühlen), meinen Studierenden von der Hochschule Emden, dem Schreiben von Artikeln. Letzteres beschränkt sich seit ein paar Jahren auf Fachartikel übers Schreiben, die Literatur. Vom Tagesjournalismus habe ich mich schon vor längerer Zeit verabschiedet.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Den Blick für das Schöne nicht zu verlieren. Und das gibt es nach wie vor. Überall. In der Kunst. In der Natur. Im Alltag, in flüchtigen Momenten. Vor ein paar Tagen beispielsweise fuhr ich auf dem überfüllten Stadtring von Antwerpen. Von links überholte mich ein Kleinlaster, für ein paar Sekunden war er auf gleicher Höhe mit meinem roten Peugeot. Ich sah den Beifahrer, der zu mir herüberblickte und lächelte. Ich lächelte zurück. Gerade noch rechtzeitig bevor der Kleinlaster an mir vorbeizog. Dieses kurze Lächeln eines Fremden, den man vermutlich nie wieder sieht, begleitete mich den ganzen Tag – und auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, zaubert mir die Erinnerung daran wieder ein kleines Lächeln ins Gesicht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Literatur, der Kunst an sich kommt dabei eine ganz elementare Rolle zu. Da ist zum einen die Kraft der Phantasie, die über der Wahrnehmung der Realität stehen kann. Dabei muss ich gerade an Marcel Proust denken, der schrieb: „… es ging mir wie denen, die sich auf die Reise begeben, um mit eignen Augen eine Stadt ihrer Sehnsucht zu schauen, und sich einbilden, man könne der Wirklichkeit den Zauber abgewinnen, den die Phantasie uns gewährt.“ („In Swanns Welt“) Das soll jetzt kein Aufruf dazu sein, allein in der Phantasie zu leben, aber regelmäßige Ausflüge in diese können neue Energie schenken. Nicht vergessen dürfen wir zum anderen, dass die Phantasie sich ja auch aus der Realität speist, die durch sie zu einem formbaren Material wird. Sie lässt uns Dinge aus anderen Blickwinkeln sehen, was tröstend und heilsam sein kann, aber auch neue Lösungswege offenlegen kann.
Was liest Du derzeit?
Ich lese gerade „Die schöne Stille. Venedig, Stadt der Musik“ von Elke Heidenreich. Hier kommen die zwei von Proust angesprochenen Elemente zusammen:Phantasie und Realität. Ich kenne die Stadt und hoffe, dort eines nicht mehr fernen Tages zu leben. Bis es soweit ist, kann ich mit Elke Heidenreich dorthin reisen. Ich weiß, wie gut es sich anfühlt, allein durch das nächtliche Venedig zu laufen, vor allem im Winter. Davon zu lesen, ist wie ein Katalysator für die Phantasie, die mich flugs an diesen wunderbaren Ort bringt, der niemals enttäuscht.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Von all den Dingen, die zu ihrem Troste wir ersannen, ist doch das Einzige, was funktioniert, die Morgendämmerung. Wenn Dunkelheit wie feiner Ruß der Luft entrieselt und mählich sich von Osten her das Licht ausbreitet, regt selbst im jämmerlichsten aller Menschenkinder sich frisches leben.“
(aus: John Banville „Unendlichkeiten“, übersetzt von Christa Schuenke)
Vielen Dank für das Interview liebe Insa und viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Insa Segebade, Schriftstellerin
Zur Person: Insa Segebade, geboren 1969 in Leer, hat Literatur und kreatives Schreiben bei Hanns-Josef Ortheil sowie Musik an der Universität Hildesheim studiert. Sie ist ausgebildete Sängerin und hat klassischen Gesang bei Dörte Blase sowie Jazzgesang bei Elena Brandes und Nanni Byl studiert. Als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung hat sie am Musikinstitut der Universität Hildesheim darüber promoviert, wie Rockstars im Spielfilm und in Printmedien dargestellt werden. Mit Rockmusik beschäftigt Insa Segebade sich schon seit langem – nach einem längeren Aufenthalt in Paris war sie im Musikmanagement tätig, hat Tourneen organisiert und begleitet. Seit 1999 arbeitet Insa Segebade hauptberuflich als Schriftstellerin, Journalistin und Dozentin für kreatives Schreiben an verschiedenen Hochschulen u.a. Bildungseinrichtungen im In- und Ausland.
Foto_privat
26.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.