Liebe Tanja Scheichl-Ebenhoch, wie siehst Du die aktuelle Debatte rund um männlichen Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen an Frauen in der Rock`n`Roll Musikbranche?
Ich denke, gerade als Musikerin, auch als klassische, kommt man nicht um die momentane Diskussion herum. Und, um es gleich vorwegzunehmen: sollte man auch nicht.
Wie in anderen Branchen ist es meiner Ansicht nach ebenso im Musikbusiness längst überfällig, alte Strukturen zu überdenken und sich auf eine seriöse Debatte rund um das Thema Machtmissbrauch einzulassen. Leider geschieht das bei Musiker:innen, Künstler:innen recht wenig. Zu heiß ist das Thema, denn Musikmanager, Plattenbosse, gut im Geschäft stehende Vorzeigebands und andere (männliche) Mächtige der Branche lauschen schließlich mit. Sie könnten sich daran stören, wenn die Kritik zu heftig wird. Ein Machtgefälle zwischen weiblichem Fan und Rock’n Roller ist doch „normal“ und gehört in gewisser Weise seit jeher zum Business, oder?
Die „Schuldfrage“ objektiv zu klären, ist Aufgabe der Juristen und Anwälte. Darüber hinaus ist eine falsch-veraltete Nostalgie von Sex Drugs and Rock’n Roll, die in einem abstoßenden Machotum verhaftet ist, zu thematisieren. Eben in einer, in der ein Machtgefälle zum (weiblichen) Fan zumindest toleriert wird. Eine gefährliche „Nostalgie“, in der es dem (Alt-)rocker seines Erachtens zynischerweise doch wohl erlaubt sein muss, „etwas Spaß“ zu haben. Im schlechtesten Fall bedeutet es also, dass derjenige überhaupt nicht verstanden hat, was Mannsein, Frausein, Demokratie, Freiheit und Menschenrechte tatsächlich bedeuten.
Wer diese Zusammenhänge nicht versteht oder verstehen will, der ist geistig noch nicht in unserem Jahrhundert angekommen. Der versteckt sich feige hinter dem Vorwand des pseudocoolen „Rock’n Rollertums“ auf Kosten unserer Musikkultur, der Humanität im allgemeinen und nicht zuletzt auf Kosten der Akzeptanz der Frau als gleichberechtigten Partner.

Was braucht es jetzt in dieser Debatte?
Ich denke, es braucht jetzt in erster Linie den Mut und die Bereitwilligkeit von allen Seiten, Missstände, Gefahren offen an- bzw. auszusprechen. Und vonseiten der Musiker:innen Verantwortungsbewusstsein den Kollegen:innen, dem Publikum/Fans, der Bedeutung Musik und Kunst generell gegenüber. Für mich enden der Kunstbegriff die künstlerische Freiheit genau dort, wo Macht, Gewalt ins Spiel kommen. Handeln im Sinne der Menschlichkeit und wie Aretha Franklin schon sagte: RESPECT sind dabei sicher die besten Ratgeber.
Wie stehst Du zu einer Konzertabsage diesbezüglich?
Tja, wie ich zum jetzigen Zeitpunkt zu einer Konzertabsage stehe, ist nicht einfach zu beantworten. Die Untersuchungen laufen ja derzeit noch und der Sachverhalt muss erst restlos geklärt werden. In einem solchen Fall ein Konzert abzusagen, wäre juristisch gesehen vermutlich eine komplexe, annähernd unlösbare Sache. Denn wer zahlt bei einer Absage des „Millionenunterfangens Rockkonzert auf Großbühne“ wann, an wen was und warum (nicht)…
Hinzu kommt, dass ich mir als Musikerin und Autorin oft selber die Frage stelle, was mir in meiner Kunst wichtig ist. Was möchte ich mit meiner Kunst erreichen und/oder ausdrücken. Es sind jedenfalls Dinge, hinter denen ich als Person stehen kann. Dinge, die mein Herz berühren und die ich gerne weitergeben möchte. Frauenverachtende Texte und Gewaltverherrlichung als rein künstlerische Provokation anzusehen, fällt mir daher sehr schwer.
Was hast Du selbst erlebt als Musikerin und Fan?
Ich bemerke, dass mir vor allem meine männlichen Musikerkollegen heute mit mehr Respekt begegnen als noch in jungen Jahren. Das sehe ich eindeutig als Vorteil an, gerade in der Musikbranche. Meist werden Vorschläge/Ideen ernst genommen. Auch ein „nein“, egal in welchem Bereich, wird eher akzeptiert.
Untergriffige sexuelle verbale Anspielungen und “Vergriffe“ im Ton in der Orchester- und Ensemble-Hierarchie von oben nach unten habe ich des Öfteren in meinem direkten Umfeld erlebt. Jede einzelne hat mich befremdet und angewidert, selbst dann, wenn ich nicht selber betroffen war.
Heute mache ich allerdings mein „eigenes Ding“ mit Soloauftritten zu Lesungen, Vernissagen, genreübergreifenden (Musik-)Projekten etc. Daher bin ich auch weniger von anderen abhängig und mein eigener Chef. Diesbezüglich sicher kein Nachteil…

Wie sieht es in der klassischen Musik bezüglich Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen aus?
Ein heikles Thema. Da wir in der Klassik mit unseren Konzerten nicht die gleiche Reichweite haben, wie im Rock/Popbereich, gibt es meist auch nicht denselben Hype. Doch auch wenn unsere Töne leiser sind, ist der Bereich der Klassik ebenso keine Insel der Seligen.
Was braucht es in der Musikbranche für alle Beteiligten?
Ich glaube dennoch, dass wir insgesamt auf dem richtigen Weg zu mehr Sensibilität im Umgang mit heiklen Themen wie sexueller Gewalt und Machtmissbrauch sind. Und dass die ganze Diskussion nicht wie ein Gewitter einfach wieder „vorbeizieht“. Dass junge Frauen sich endlich in die Öffentlichkeit trauen und wenigstens zum Teil auf offene Ohren und Unterstützung stoßen, ist zumindest ein gutes Zeichen. Wenn auch immer noch erst der Anfang eines dringend benötigten Umdenkens und einer neuen Bewusstseinsbildung in der Musikbranche.

Interview: Tanja Scheichl-Ebenhoch, Musikerin, Autorin und Pädagogin
Foto 1_huber-images; 2,3 Sagmeister.
Walter Pobaschnig _ 26.6.2023