Liebe Gabrielle, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit ich in Irland lebe, also seit 40 Jahren, beginnt mein Tag mit einem Spaziergang am Strand, derzeit in Begleitung von Lily und Lotty, zwei Leonberger Hündinnen. Danach setze ich mich wie ein Buchhalter an den Schreibtisch und arbeite am nächsten Roman – es gibt immer einen nächsten Roman. Ich teile John McGaherns Ansicht, dass man nicht mehr als fünf Stunden am Tag schreiben kann. Entsprechend mache ich am Nachmittag alles andere, beantworte Mails, bereite Kurse vor, arbeite an Lektoraten, gehe Einkaufen, buddle im Garten rum. Am Abend schaue ich Nachrichten, lese, treffe Freunde, habe Zeit zum Kochen, Essen, Reden.
Neben diesem irischen Leben gab es schon immer auch ein schweizerisches mit Unterricht und Veranstaltungen. Das fast monatliche Pendeln zwischen den beiden Ländern ist in den letzten Jahren komplizierter und aufwändiger geworden, aber es entspricht mir, nicht ganz hier, nicht ganz dort zu sein. An beiden Orten bin ich zuhause, aber auch fremd.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir nicht aufgeben. Dass wir uns weiter auf das Leben einlassen, hinschauen, Fragen stellen, streiten, zu verstehen versuchen und dass wir den Möwen zuschauen, wenn sie übers Meer fliegen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Dass wir nicht vergessen, woher wir kommen und wer wir waren, dass wir uns bewusst sind, dass die Zukunft der Vergangenheit nicht widerspricht, sondern aus ihr entsteht.
Die Rolle der Literatur, der Kunst bleibt stets die gleiche. Sie erfüllt ihr Ziel, wenn es ihr gelingt, dass wir die Welt, das Leben, unseren Alltag für einen Augenblick mit anderen Augen sehen.
Was liest Du derzeit?
Schattenkaleidoskop, von Irène Bourquin (Caracol Lyrik, Werth 2023).
Die Gedichte, die auf einer Reise in den Süden entstanden, sind voll Sonne und Sommer, aber auch kleinen präzisen Beobachtungen und diesen zauberhaften Wendungen, die gute Lyrik ausmachen.
und:
The Discovery of Jeanne Baret, von Glynis Ridley (Crown Publishers, New York, 2010).
Jeanne Baret gilt als die erste Frau, die – als Mann verkleidet – die Welt umsegelte und als Entdeckerin der nach dem Kapitän der Expedition benannten Bougainvillea.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Dilige et quod vis fac.“ – „Liebe und tu, was du willst.“
(Augustinus von Hippo, 345- 430 n.Chr.)
Vielen Dank für das Interview liebe Gabrielle, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:
Gabrielle Alioth, Schriftstellerin
Zur Person_Gabrielle Alioth wurde 1955 in Basel geboren, studierte Wirtschaftswissenschaften und Kunstgeschichte an den Universitäten Basel und Salzburg und lebt seit 1984 als Schriftstellerin in Irland. Neben Romanen publiziert sie Kinder-, Reise- und Sachbücher sowie Lyrik und arbeitet journalistisch. 2017–2020 Mitglied der Programmkommission der Solothurner Literaturtage. 2019 Kulturpreis der Gemeinde Riehen.
http://www.gabriellealioth.com
Fotos _ privat
12.6.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.