„In der Literatur sollte man zur Polarität stehen“ Kristian Kühn, Schriftsteller _ München 6.6.2023

Lieber Kristian Kühn, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Früh aufstehen, obwohl ich Langschläfer bin, um so gegen 9 Uhr morgens (oder später) am Schreibtisch zu sitzen und für die Signaturen am Täglichen zu arbeiten.

Ab frühem Nachmittag privat Liegengebliebenes, Bürokram, Einkäufe tätigen, danach sind, wenn ich gut drauf bin oder es dringend zeitlich muss, die eigenen Texte dran, seien diese für mich oder für die Signaturen geplant.

Gelegentlich besuche ich auch dann Lesungen oder andere Veranstaltungen. Schreiben und leichte Gartenarbeit, wie Lutz Seiler es kürzlich ironisierend bemerkte. Wobei ‚leichte Gartenarbeit‘ für mich bereits ein bisschen Bewegung wie Müllwegbringen oder leichte Spaziergänge bedeutet.

Kristian Kühn, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß nicht so genau, wer wir alle sind. Weil ich ein ziemlicher Einzelgänger bin, blicke ich auch ziemlich punktuell auf andere. Und könnte da sagen, was mich bei Einzelnen stört, was ich bei anderen bewundere. Letztlich mache ich inhaltlich die Signaturen jetzt seit zehn Jahren, ja, am 6. Juni 2023 sind es genau zehn Jahre, und da hat sich innerhalb der Lyrikszene sehr viel geändert. Bis etwa 2016 kann man hier im Netz einen allgemeinen Versuch beobachten, einen minimalen Zusammenhalt zu wahren und an einem Strang zu ziehen, der sich allerdings in mehrere entflicht. Ein Beispiel dafür ist die damals intensive Frage nach einer besseren Qualität von Lyrikkritik. Man suchte – trotz aller Gegensätze – nach einem Konsens für Planung. In abgeschwächter Form kam es 2018 noch einmal dazu, wurde aber nicht aufgearbeitet, unter anderem nicht nur, weil niemand dazu Lust hatte, sondern auch weil die Beiträge sich kaum noch inhaltlich zusammenbringen lassen konnten. Stattdessen polarisierten politische Invektiven, moralisierende Forderungen, gesellschaftliche Unruhe immer mehr, sodass sich der Kulturkrieg der USA zunehmend auch auf Europa sprich Deutschland übertrug und drei Lager manifestierte, mal von dem Sonderweg feministischer Einwirkungen abgesehen, die kaum noch sich gegenseitig auf einem Blatt ertragen – gattungsmäßig die Moderne, die Postmoderne und als neuer Mitstreiter eine Art Antimoderne, die nur noch eine Ebene sieht, das Diesseits mit den Mitteln der Aufklärung, der Technik und der physischen Weiterentwicklung hin zu einem neuen Menschenbild im Hier und Jetzt, sei dieses der Cyborg-Weg, der sozialistische oder ein matriarchaler oder Mischformen dieser Tendenzen. Dagegen die Postmodernen, die ein gewisses „Mit-ohne-Mit“ (einer doppelten Schönheit) zulassen bzw. zumindest mit ihrer Non-Existenz oder Faltung oder Dekonstruktion literarisch spielen. Und als überholtes Modell, das den Menschen in ein Spannungsfeld zu einer anderen (geistigen) Ebene setzt, die Moderne und ihre Enttäuschungen. Dieses Bild ist auch politisch nachzuvollziehen, autokratisch autonomes Schreiben versus demokratisches Schreiben in Schreibgruppen, in Spontanlesungen, in Ausschreibungen, Verteilung der Preise an alle, usf., und auch kulturell, zwischen Kunst und Kulturalismus, kurzum: der Kampf zwischen diesen Weltanschauungen wird größer, ein Verdrängungswettbewerb von der Atomkraft zur Wärmepumpe, auf allen Ebenen, um jeden Preis. Einige verstummen, weil sie den Druck nicht aushalten (wollen), andere werden übergriffig. Nun pfeift auch noch die KI neuen Wind hinein und treibt zu einer „letzten Entscheidung“, sei diese militärisch, bei den Wahlen oder auf dem Papier – und ich? Wo bleibt das Ich im Kriegsgewirr? Ich sage: diesen Krieg entscheiden wir in uns selbst – jedes Ich im Blickfeld des inneren Spiegels zu sich selbst. Doch Lyrik als Demagogie ist die größte Gefahr hier bei uns, hier in Deutschland sowieso und auch Österreich.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Es ist ein Spagat für viele. Vor allem, wenn man auf der einen Ebene autokratisch und auf der anderen demokratisch ist bzw. sein möchte. Ich denke, gerade in der Literatur kann oder sollte man durchaus zur Polarität stehen und, solange sie das Ich nicht zerreißt, Dialektik zu Rate ziehen. Die Literatur sollte dennoch aufhören, Dinge metaphorisch zu vernebeln, neuen Heldenmut vortäuschen, derweil die Pantoffeln der Subvention angezogen werden, um Ratlosigkeit oder das eigene So-Tun-Als-Ob zu verschleiern, die eigene Meinungslosigkeit oder Herzensunlust mit lyrischen Mitteln „metonymisch zu moralisieren“. Am schlimmsten: Verlogenes Pathos, da rate ich dringend, Pseudo-Longinus: Vom Erhabenen zu lesen, um nicht ins Schwülstige oder Lächerliche zu verfallen. Denn wer kann erhaben schreiben, ohne erhaben zu sein?

Was liest Du derzeit?

Ich frage mich, warum Imagination immer wieder am eigenen Knoten aufhört, lebendig zu werden und dann auch – sich ausbreitend – zu wirken. Warum es heute funktioniert und morgen nicht. Wie man das Lebendige transportieren kann über Zeiten, Räume und Personen, und lese Werke über Imagination sehr verschiedener Art, von Ted Hughes‘ „Wie Dichtung entsteht“ bis Nicholas Roerich: „Shambhala – das geheime Weltzentrum im Herzen Asiens“ oder James Bogans „Blake’s City of Golgonooza in Jerusalem: Metaphor and Mandala“ – weil ich herausfinden will, wie man die Löchrigkeit imaginierter Bilder stabilisieren könnte, mit erlernbaren Mitteln. Anders: Ob und wie Sprache auf den Körper wirkt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Anna Breitenbach: Der Himmel

Etwas heruntergekommen,

aber immer noch: Himmel

unbenommen.

(in Anna Breitenbach: Dichte Nähe. Körper, Wörter, Wirkstoffe. Konkursbuch, 2023)

Vielen Dank für das Interview lieber Kristian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Kristian Kühn, Schriftsteller

Zur Person_Kristian Kühn, Drehbücher, Prosa, Lyrik. Essays. Seit 2010 Mitorganisator des Lyrikpreises München. Seit 2013 Herausgeber des Online-Magazins Signaturen. https://signaturen-magazin.de/ Wohnt in München.

Foto_privat.

21.5.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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