„Dass eine intensive Liebe, Lust, Vernarrtheit auch schön ist, Energie gibt“ Carmen Pratzner, Choreographin_Romanjubiläum Malina_Wien 13.11.2021

Herzlich Willkommen, liebe Carmen Pratzner, Tänzerin/Choreografin, hier im Biedermeier Hotel Wien an der Ungargasse dem Romanschauplatz „Malina“! Vielen Dank für Dein Kommen und die Teilnahme an diesem Projekt zum Romanjubiläum!

Herzlichen Dank für die Einladung!

Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin –
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

Was bedeuten Dir Orte?

Orte sind für mich in meiner künstlerischen Arbeit als Tänzerin/Choreografin sehr wichtig. Es geht darum, dass Besondere eines Ortes, eines Raumes zu finden und auch der Frage nachzugehen, wie ich mich als Mensch an diesem Ort bewege.

Ich möchte auch immer etwas für und mit dem Ort als Kunstschauplatz machen.

Ich lasse mich gerne von Orten inspirieren, was dann in Bewegung, Ausdruck übergeht. Das kann sich auf die Geschichte, Ereignisse, Wahrnehmung beziehen – Farben können da etwa sehr inspirieren.

Wie kann man sich diesen künstlerischen Prozess der Arbeit mit und an einem Ort vorstellen? Das ist ja auch hier unmittelbar am Romanschauplatz im Schreibprozess so passiert.

Das kommt darauf an, ob es der Ort ist, von dem ich ausgehe, wie im Roman, oder ob der Ort eine Inspiration ist, die mich weiterführt.

In meiner Arbeit ist etwa die Isolierung, Verkleinerung von Räumen ein Thema. Was passiert, wenn Räume wegfallen, nicht mehr verfügbar sind? Was ja ein allgemein großes Thema ist.

Die Frage, was macht es mit Körper und Geist, wenn Räume fehlen, war in meinen Projekten da wesentlich.

Derzeit thematisiere ich den öffentlichen Raum, Platz. Mich interessiert da, wie Menschen zusammenkommen, sich bewegen in großen öffentlichen Räumen, die ja von uns gestaltet werden und denen wir Bedeutung geben. Reaktionen und Bedeutungsebenen sind dabei Fragen, die mich anleiten.

Bei Malina und Ingeborg Bachmann ist ja der unmittelbare Lebensraum zum Kunstschauplatz geworden. Ist dies auch in Deinen Projekten so?

Eigentlich nicht. Gezwungenermaßen in der Pandemie schon. Während des ersten Lockdowns habe ich mich beschäftigt mit dem Raum in meiner eigenen Wohnung, was wohl auch viele Kolleginnen*en gemacht haben, einfach aus der Not heraus, weil bestimmte Räume ja verboten und uns diese Räume wie Proberäume, Studios genommen wurden.

Aus diesen Gegebenheiten der Verbote bzw. Einschränkungen von Kunsträumen entstand ein Baukasten, Spiel – welches auch online zu sehen ist – wie man seinen Körper im Wohnraum platziert, erkundet, neu entdeckt und damit spielt, mit Alltagsbewegungen. Was mache ich in diesem Raum? Welche Bewegungsmuster gibt es von mir und wie erkenne ich diese und kann ich diese auch auf den Kopf stellen? Als Beispiel etwa die Frage, wie kann ich eine Schublade auf- und zumachen und funktioniert dies auch im Handstand? Es gab da viele kreative Ideen (lacht). Und da ist auch ein Video entstanden, das ich noch bearbeite.

Autobiografische Zugänge, wie es Ingeborg Bachmann im Roman setzt, wie ich es verstanden habe, hatte ich bisher nicht.

Es sind bei mir immer spezielle Orte in der Recherche aufgetaucht oder ich habe welche entdeckt, die mich interessiert haben. Ich wüsste aber jetzt nicht, was der künstlerische Ort mit größter privater Nähe gewesen wäre.

Im größeren Kontext ist der Begriff Heimat immer wieder ein Thema. Ich bin in Vorarlberg geboren und aufgewachsen und arbeite dort auch immer wieder und bin gut vernetzt vor Ort.

Ich fühle mich mittlerweile mehr als Wienerin obwohl ich ja nicht hier geboren bin aber vielleicht macht das ja gerade eine Wienerin aus (lacht).

Den Ortswechsel von Wien und Vorarlberg finde ich immer wieder künstlerisch spannend und inspirierend.

Das Zugezogensein als Wienerin verbindet Dich mit Ingeborg Bachmann. Zeitlebens hatte die Schriftstellerin auch eine gute Verbindung nach Kärnten, ihr Geburtsland. Wie wirkt sich die Verbindung zu Herkunftsorten auf Deine künstlerische Arbeit aus?

Gute Frage (lacht). Ich denke, für mich war es auch ganz wichtig, Heimat zu verlassen, um Neues zu sehen, Neues kennenzulernen, einfach als Mensch einen Austausch zu haben, anderes zu erleben, das fließt ja dann automatisch in meine künstlerische Arbeit ein. Wie ich damit umgehe, welche Menschen ich treffe, welche Orte ich sehe – das ist ja immer auch Teil des künstlerischen Prozesses wie es auch bei Ingeborg Bachmann und Malina der Fall ist.

Das Zurückkehren ist immer auch ein Bewusstwerden der eigenen Wurzeln. Da sind bestimmte Sachen, die sehr vertraut sind, die Stärke geben und andererseits, dass man selbst auch Impulse mitbringen kann oder zumindest hoffe ich das, dass es funktioniert (lacht). Dass man in die Heimat, das Zuhause neue Ideen, Inspiration mitbringt und Verbindungen, Synergien schafft.

Zuhause, dies ist im größeren Kontext Österreich. Wir haben heute den Nationalfeiertag. Geschichte spielt ja auch in Malina, persönlich wie gesellschaftlich, eine Rolle. Inwieweit sind dies auch Zugänge, Themen Deiner künstlerischen Arbeit?

Es ist mir wichtig, aber in meinen Arbeiten ging ich bis jetzt noch nicht geschichtlich weiter zurück. Aktuelle politische wie gesellschaftskritische Fragen der jüngeren Geschichte sind Themen, die ich aufgeworfen habe.

Kunsthistorisch brennt mir die Verbindung zur bildenden Kunst unter den Fingern und ich werde gerne das Körperverständnis im Wandel der Darstellung als Inspiration aufnehmen und damit arbeiten.

Auch die Geschichte, Geschichten, Erfahrungen, die sich in einen Körper einschreiben, finde ich sehr spannend.

Ich habe mich kürzlich mit meiner Ahnenfolge beschäftigt und da Verbindungen in Familie, Orten entdeckt, die mich auch zur Beschäftigung mit allgemeiner Geschichte anregten. Ich merke bei diesen historischen Themen, dass ich einen persönlichen Bezug dazu brauche.

Als die Einladung jetzt zum Malinaprojekt und Ingeborg Bachmann kam, erinnerte ich mich etwa an einen Liegestuhl mit einem Zitat von ihr, welcher im Sommer auf meinem Arbeitsweg zu sehen war – „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler“. Das hat mich immer beeindruckt und ich dachte jedesmal im Vorübergehen „ja, leider, so ist es“.

Einschreibungen von Geschichte, Geschichten, persönlich und historisch, darum geht es auch im Roman Malina und den Weg inmitten dieses Umgebenseins, Eingeschriebenseins zu sich selbst. Wie siehst Du den Weg zu sich selbst im Roman und in der gesellschaftlichen Gegenwart?

Im Roman, den ich in Auszügen gelesen wie den Film gesehen habe, dachte ich mir, man spürt den Körper im Schreiben, in den Worten. Mich hat die Form dieser sprachlichen Fragmentarisierung, diese kurzen Sätze, das sich ja dann auch steigert, sehr beeindruckt und auch körperlich berührt. Es ist ein innerliches Beben zu spüren, ein Erschüttern, Zerbrechen, eine Nervosität aber auch eine Ruhe in diesem Ganzen darin.

Der Roman spielt sich ja auf sehr kleinem Raum in der Stadt ab, bis auf eine Reise zum Wolfgangsee. Der Schauplatz, das ist das Zimmer, die Wohnungen, der private Raum, da passiert aber so viel an Bewegung.

Es ist eine Suche nach sich selbst als Thema im Roman und ich glaube dies ist in der jüngeren Zeit noch aktueller geworden. Diese ständige Suche nach Glück, Sinn, nach sich selbst, nach Halt in einer sich immer schneller ändernden Welt, wir suchen Ruhe und Ordnung zu gewinnen, auch Pausen im Lebensalltag, die man sich gut setzen muss (lacht).

Für mich sind die Romanfiguren Teile einer Person, eines Menschen. Viele Aspekte, Eigenschaften in Einem, viele Seiten, die wir alle haben und die wir auch ordnen müssen. Ich finde diese Interpretation viel schöner.

Haben sich jetzt in den 50 Jahren seit Erscheinen Roman die vielen Aspekte einer Persönlichkeit im Widerstreit minimiert bzw. aufgelöst?

Überhaupt nicht. Es ist zwar in den strengen Geschlechterrollen viel in Bewegung, da mischt sich viel durch aber das Weiterdenken, auch gesellschaftlich, ist da ein Prozess.

Es gibt eine gesellschaftliche Kategorisierung, Definition, Ordnung und deren Polarität von Individualität und Gesellschaft. Darin bewegen wir uns und so sehe ich auch die Ich-Erzählerin im Roman.

Die Themen des Romans sind sehr zeitgemäß, immer noch, weil es um Menschen, den Menschen geht.

Alltagssituationen mögen sich ändern aber die Gefühlslage des Menschen ist ähnlich, vielleicht sogar mehr durcheinander, gerade auch in Ausnahmezeiten wie jetzt.

Der Roman ist sehr menschlich und deswegen sehr aktuell.

Du sprichst das sehr Menschliche im Roman an – ist da auch typisches Weibliches in gesellschaftlicher Rolle und Kritik dargestellt und wie siehst Du das Frausein heute?

Ja und Nein. Es wirkt sehr der damaligen Zeit voraus. Da ist diese starke, arbeitende, unabhängige Frau, die aus dieser Sicht emanzipiert wäre, sich dann aber in aller Leidenschaft verliert und wenn man es banal ausdrückt, diesem Mann nachrennt.

Ich frage mich oft ob es so schlimm ist, wenn wir sehr feminin konnotierte Dinge gut finden. Der Roman ist da der Zeit voraus, damals wie heute. Es geht um Weiblichkeit – selbstbewusst und kompromisslos. Auch das Verlieren in der Liebe ist eine weibliche Stärke. Das Leidenschaftlich-Sein-Dürfen, Frau-Sein-Dürfen, dass das nicht schwach ist sondern dass eine intensive Liebe, Lust, Vernarrtheit auch schön ist, Energie gibt, das stark sein kann, wenn man weiß was man will. Leider verliert sich im Roman der Charakter selbst darin.

Es ist ganz aktuell wie Ingeborg Bachmann mit Frauenthemen umgeht.

Wir sind noch nicht emanzipiert, noch immer nicht, da ist noch viel Arbeit zu tun.

Diese Rollen im Roman und die Fragen, die sie aufwerfen, finde ich sehr spannend und aktuell.

Wie kann es heute gelingen das Selbst in der Liebe zu behalten und feminin, maskulin konnotierte Persönlichkeitsseiten zu leben? Ist das heute leichter geworden?

Jede Zeit hat ihre Herausforderungen. Es wäre naiv zu sagen, dass dies damals als Frau nicht schwieriger war. Das glaube ich schon. Gesellschaftliche Errungenschaften der Frau haben aber auch Beziehungswirklichkeiten verändert. Dieses gesellschaftlich weniger Angewiesensein auf einen Mann verändert in jedem Fall die Dynamik in Beziehungen.

Ich weiß es nicht ob es für die Männer jetzt schwieriger ist, wenn sie gleichsam „strenger“ ausgewählt werden (lacht).

Menschen finden sich immer wieder. Die Gründe sind anders oder auch gleich.

Liebe hat es immer gegeben und wird es immer geben.

Ihre Rolle als unverheiratete Frau im Roman war in der damaligen Zeit schon besonders. Auch der Mann, Ivan, mit seinen zwei Kindern. Heute sind ja patchwork Familien normal.

Die Dynamik in einer Beziehung, egal wie sie sich definieren, ist individuell aber dann auch wieder für alle ähnlich, gleich, weil man sich selbst, miteinander darin finden muss.

Sich selbst behalten, im Austausch zu bleiben, sich zu stärken, ist wahrscheinlich ausgeglichener als damals. Das ist eine wichtige und schöne Sache.

Wie ist ein Gefühlschaos in der Liebe zu leben, zu ordnen?

Als Künstlerin liegt es auf der Hand, aber ich bin ganz ehrlich der Meinung, dass es ganz wichtig ist, sich kreativ auszudrücken und da Orientierung und Ordnung zu finden, zu verarbeiten in Musik, Schreiben, Tanz, in Bewegung, Spiel, Zeichnen, ganz egal wie die Ausdrucksmöglichkeiten sind. Das wird immer so hinten angereiht oder verkommt als Luxus, wird als nicht so wichtig abgetan. Ich bin der Meinung dies ist ein fataler Fehler. Wenn nötig, ist natürlich professionelle psychologische Hilfe wesentlich, was ich für ganz, ganz wichtig halte.

Menschen zersplittern sich auch innerlich immer mehr, weil sie diese Kultur des Ausdrückens nicht ausleben können, keinen Kanal für ein Bündeln finden.

Der kreative Weg ist einer der schönsten und hilfreichsten Sachen menschlichen Weges und Selbstverständnisses, Selbstvergewisserns in Geist und Körper. Da ist es wichtig unterstützend sein zu können.

Das intensive Schreiben des Charakters im Roman fand ich ein sehr wichtiges Bild. Diese massive Zahl an Zetteln, Briefe, die herumliegen und auch Symbolkraft haben. Das Zersplitterte wird sichtbar, bleibt liegen.

Ohne Kultur sind wir nur Wirbeltiere auf der Suche nach Nahrung und Fortpflanzung und das finde ich immer wieder sehr traurig.

Dass wir uns nicht mit unserer Kultur beschäftigen und den Sachen, die behandelt gehören, ist sehr traurig.

Welche Bezüge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann?

Unmittelbar in meiner Arbeit und auch im privaten Lesen bisher nicht viele. Aber ich finde es sehr wichtig, dass man sie kennt und um sie weiß, ihr Werk und Leben, dass es sie gegeben hat.

Frauen in der Literatur werden ja viel zu oft übersehen. Deswegen ist es schön und auch so wichtig, dass Ingeborg Bachmann so etabliert ist, dass man davon hört und auch dass es den jährlichen Literaturpreis gibt.

Was kannst Du zum Romanjubiläum von Malina als Frau und Künstlerin mitnehmen?

Ich glaube, ich nehme mir mit, dass die femininen Seiten, die teilweise fälschlich als schwach gesehen werden, in Stärke umgewandelt werden sollen und wir darauf stolz sein dürfen, dass wir Stärke in der Feminität finden und diese auch ausleben.

Dass man sich nicht emanzipiert, indem man die Masken einer Zeit annimmt.

Dass man Feminin-Sein nicht als Schwäche oder Minderwertigkeit ansieht, sondern ein Stolz-Sein entwickelt.

Dass Leidenschaft, Liebe da sein darf und wir darin auch Stärke finden.

Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin –
am Romanschauplatz_Malina _ Wien

Herzlichen Dank, liebe Carmen, für Deine Zeit in Wort und Bild hier am Romanschauplatz „Malina“! Viel Freude und Erfolg für alle künstlerischen Projekte!

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Carmen Pratzner_Choreografin, Tänzerin, Tanzpädagogin

https://carmenpratzner.weebly.com/

Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 10_21

Ein Gedanke zu „„Dass eine intensive Liebe, Lust, Vernarrtheit auch schön ist, Energie gibt“ Carmen Pratzner, Choreographin_Romanjubiläum Malina_Wien 13.11.2021

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