„Freundlichkeit als Trend, das wär doch mal was“ Vanessa Payer Kumar, Schauspielerin_Wien _12.10.2021

Liebe Vanessa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mit Schulbeginn in Wien im September muss ich familientechnisch wieder früher aufstehen und eine gewisse Regelmäßigkeit kehrte wieder ein. Im August habe ich zwar intensiv gearbeitet, aber meistens mit „freier Zeiteinteilung“. Das liegt daran, dass ich zur Zeit viel schreibe und Produktionen vorbereite.

Vanessa Payer Kumar_Schauspielerin, Regisseurin, Autorin, Producer

Jeder Tag sieht da etwas anders aus. Meistens fang ich bald nach dem Aufstehen an, alles das abzuarbeiten- oder auch „abzuleben“- falls man so eine Wortschöpfung brauchen kann- was eben gerade ansteht:  sei es im Kreativen, im Organisatorischen, im Haushalt oder in Belangen der Familie. Gegessen wird in einem solchen Tagesablauf meistens locker und irgendwann – auch Treffen mit Freunden oder Bewegung und Ausflüge finden meist eher kurzfristig geplant statt.  Wenn ich allerdings für meine- „Theaterminiaturen“ oder andere Auftritte probe oder die Aufführung vorbereite, stehe ich früh auf und bin dann den ganzen Tag auf Achse;

Ich bin eigentlich ein gut organisierter Mensch und plane auch gerne, aber in dieser letzten Zeit war der Tagesablauf sehr viel offener und flexibler als gewöhnlich, was ich genieße. Fast täglich stand aber eines auf dem Programm:  mich hier irgendwo im 22. Bezirk, wo ich wohne, zwischendurch in eines der vielen Naturgewässer zu hauen!

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Hm, mit der Frage tu ich mir a bisserl schwer, denn es wird doch wirklich für jede/n etwas anderes besonders wichtig sein und wie ist „uns“ hier definiert? Die Lebenssituationen sind so unterschiedlich…

Möglichst umfassend beantwortet, würde ich sagen, die Welt braucht Empathie und das ist wirklich für alle und auch für alles wichtig.

Empathie äußerst sich ja in vielen Formen, eine davon ist echtes Zuhören; die Bereitschaft, Inhalte einmal in aller Ruhe zu erfassen und das Gegenüber und das Gesagte auch in seinem Kontext wahrzunehmen; Wir leben in einer derart hysterisch reaktiven Zeit, es kommt mir wie ein gedankliches Hecheln vor.

Ich lese oder höre oft Reaktionen auf Äußerungen eines anderen Menschen, die beinahe gar nichts mit dessen ursprünglicher Aussage zu tun haben. Man schreit dann nur mehr seine eigenen Projektionen heraus. Das vergiftet das gesellschaftliche Klima schon sehr. Ein Bemühen, den anderen wirklich zu erfassen- also dieses empathische Zuhören- halte ich für sehr wichtig; sonst sind wir überhaupt nicht mehr in der Lage zu einem klaren gesellschaftlichen Diskurs und zu klarsichtiger Differenzierungsfähigkeit. Und DAS ist dann tatsächlich eine Gefährdung in einer Demokratie. (wobei ich nicht der Ansicht bin, dass man sich- gerade jetzt- auf jede noch so absurde Diskussion einlassen sollte. Freundlich schweigen?)

Empathie äußert sich auch in Wohlwollen; ein altmodisches Wort, aber gut zu gebrauchen. Ich würde es mir vor allem für Politiker und Führungskräfte wünschen und es als zu Grunde liegende Motivation ihres Handelns ansehen.  (ich halluziniere nicht, bin immer noch bei der Beantwortung der Frage)

Empathie ist natürlich vor allem die Fähigkeit, sich in die Situation eines/r  Anderen hineinzuversetzen und die nächste Stufe ist dann Mitgefühl. Wenn wir die Verrohungstendenzen auf politischer und gesellschaftlicher und medialer Ebene nicht bald in den Griff kriegen, können wir uns meiner Meinung nach von unseren vielgeliebten europäischen Werten verabschieden. Denn dann gibt es dieses Europa nicht mehr. Also Empathie als wichtiger Kulturerhalt, würde ich sagen.

Auch hier, im Kleinen, auf unseren Strassen. Soll ja vorkommen, daß z.B. ein Mensch stolpert, ein Kind sich verlaufen hat…wenn dann alle Umstehenden oder -gehenden sich überhaupt nicht betroffen fühlen und keine/r seinem natürlichen Instinkt zu helfen folgt – dann frage ich mich schon. Echt jetzt?

Also ein sehr wesentlicher Ausdruck von Empathie ist auch die einfache, ganz simple Freundlichkeit.  Ein schönes Wort übrigens.

Freundlichkeit als Trend, das wär doch mal was..

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das ist ein optimistischer Ansatz und ich hoffe, es stimmt; dass die Gesellschaft einen Neubeginn erkennt und der einzelne Mensch einen Aufbruch. (und nicht einfach „nur“ eine Rückkehr zur alten Normalität)

Wesentlich wird dabei eine Art von Evaluierung sein, nehme ich an, eine persönliche und gesellschaftliche Reflexion.  Welche Werte und Gegebenheiten gehören unbedingt wiederhergestellt und bewahrt, weil sie unsere Gesellschaft ausmachen, aber welche Errungenschaften und positiven Impulse gab und gibt es auch in dieser Zeit? Was können wir uns an Erkenntnis und Entwicklungspotential mitnehmen?

Theater und Kunst sind immer Nahrungsmittel der Seele und Spiegel der Gesellschaft. Gerade jetzt erfüllen sie diese Funktionen umso mehr. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach der unmittelbaren Erfahrung des Theaters an sich; das allein nährt schon. Natürlich kann und wird Kunst das kollektive Erleben verarbeiten, künstlerisch umsetzen und formal darauf reagieren. Sei es durch neu entstehende Projekte und Spielformen oder durch die Erkenntnis archetypischer menschlicher Erfahrung in klassischen Werken.

Mich interessieren Theater und Kunst mit einer Vision. Das bedeutet weder das Aussparen von Tragik noch von Komik, noch von Wahrheit- aber ich möchte die Menschen mit einem Gefühl von Inspiration aus einem Stück kommen sehen, mit einer Aussicht, einem Funken, einer Möglichkeit, die sie für sich selbst empfinden.  Aus dem Theater zu kriechen mit dem Gefühl- es ist eh alles sinnlos- what for? Ich glaube an das menschliche Bedürfnis, einander zu stärken. Theater und Kunst können das ohne Kitsch und auf vielen Ebenen bringen.

Was liest Du derzeit?

Mehreres gleichzeitig (mir fällt da natürlich ein, daß meine Eltern immer gesagt haben, dass man das nicht tun soll- „schlecht für die Aufmerksamkeit“. Angesichts der Info-Häppchen, die man sich heutzutage über social media reinzieht, eine fast rührende Erziehungsmaßnahme)

Den siebenten Band aus der Krimireihe „Flavia de Luce“ von Alan Bradley, ein Geschenk meiner Schwester.

Etwas eingerostet schmökere ich durch einen informativen französischen Ausstellungkatalog über Eileen Gray und Le Corbusier- aus beruflichen Gründen, aber auch aus privatem Interesse.

Eva Sternheim-Peters „Habe ich denn allein gejubelt?“ Eine Jugend im Nationalsozialismus. Ein Buch, das einen länger begleitet.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es gibt immer Spielraum.         (Claus Ofczarek)

Vanessa Payer Kumar_Schauspielerin, Regisseurin, Autorin, Producer

Vielen Dank für das Interview liebe Vanessa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Vanessa Payer Kumar_Schauspielerin, Regisseurin, Autorin, Producer

https://www.vanessapayerkumar.com/de/

Fotos_Anna Stöcher; still – Fernsehinterview;

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

3 Gedanken zu „„Freundlichkeit als Trend, das wär doch mal was“ Vanessa Payer Kumar, Schauspielerin_Wien _12.10.2021

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