„Ich bin dem Schreiben lustvoll ausgeliefert“ Valerie Springer, Schriftstellerin_Neulengbach/NÖ 7.10.2021

Liebe Valerie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe recht früh auf und setze mich mit ausreichendem Kaffeevorrat an meinen Schreibtisch. Ich schreibe in mein Tagebuch, das ich mit einer geradezu manischen Regelmäßigkeit führe, und sinniere dann beim Blick aus dem Fenster in die unsagbar schöne Natur über das, was wichtig sein könnte.

Ja, und dann, nach der Besinnlichkeit, beginne ich zu arbeiten. Wobei: Ich mag das Wort Arbeit nicht so sehr, denn Arbeit bedeutet für mich, etwas tun zu müssen, das ich eigentlich nicht tun will. Meine Arbeit – nennen wir es nun einmal so – ist für mich nicht hinterfragbar, nicht aufschiebbar. Ich bin dem Schreiben lustvoll ausgeliefert.

Valerie Springer, Schriftstellerin

Maler malen, Filmer filmen, ich schreibe. Als Schriftstellerin stelle ich mich der Schrift. Dem schriftlich Festzuhaltenden. Das Virtuelle in meinem Denken wird in Worte gefasst, wird auf Papier physisch.

Zwischendurch Yoga, Essen kochen und genießen, mit Aquarell und Tusche arbeiten, kontemplative Spaziergänge, abends fernsehen oder Freunde auf ein Glaserl treffen … und viel, wirklich viel lesen.

Ich denke an die Frauen, die homeoffice, Kinderbetreuung, Haushalt, Kurzarbeit – und einen Mann, der ebenfalls zuhause im homeoffice arbeitet – zu bewältigen haben. Und da weiß ich natürlich, dass ich ein durchaus komfortables Leben führe.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Klarheit, Offenheit, Respekt und Toleranz im Miteinander. Das betrifft nicht nur den privaten Bereich jedes einzelnen, sondern vor allem den öffentlichen Diskurs.

Dogmen, Parolen und Phrasen hinterfragen.

Nicht nur jetzt, sondern ganz allgemein und immer ist geistige Ruhe wichtig. Die ermöglicht Betrachten, Analysieren … Widerrufen … neuerliches Betrachten …

Schlicht gesagt: Sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, das finde ich entscheidend. Und diese Ruhe bewusst zu suchen, wenn man sich im Medien-, im häuslichen oder im beruflichen Tumult verwirrt und verirrt fühlt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ein Aufbruch und Neubeginn ist angesichts dessen, wohin Kapitalismus, Konzern-Imperialismus und Fortschritts-Profit-Politik uns geführt haben, zwingend notwendig. Ob wir jetzt an diesem Punkt stehen, wo sich etwas ändern wird? Wenn ja, dann antworte ich mit einem Zitat von Michael Stavarič: „Du gibst eine Welt auf, weißt aber nicht, ob es für eine neue langt … und schon gar nicht, ob du darin Halt findest.“ (aus „Brenntage“)

Kunst ist für mich neben der Darstellung des Vordergründigen vor allem die des Hintergründigen. Interpretation dessen, was wir als Wirklichkeit wahrnehmen. Inspiration, wie man diese Wirklichkeit auch sehen könnte. Insofern stellt Kunst den Kontrapunkt zum Banalen dar. Sie offenbart Mehrdeutigkeit und Komplexität.

Will ein Künstler eine „message“ vermitteln? Wohl kaum, er ist schaffend, weil er nicht anders kann, absichtslos hält er fest, was kommt und wieder gehen würde, wenn man es nicht dingfest macht.

Kunst nimmt bei einer neuen Definition unserer Werte eine subtile Rolle ein. Sie kann im Leser oder Betrachter etwas berühren, was ohne sie nicht möglich ist. Sie hat einen feinsinnigen Einfluss. Und mag es für einige ein Tropfen auf den heißen Stein sein, so ist es für mich der stete Tropfen, der den Stein irgendwann höhlt.

Was liest Du derzeit?

Ich lese Schundromane, Thriller, Zeitungen, die sogenannte Weltliteratur. Ich lese, als Lesesüchtige, auch Postings in social media, Gebrauchsanleitungen, Texte auf Verpackungen, Flugblätter, Reklameschriften, Werbung, Pamphlete.

Und derzeit lese ich:

Annie Ernaux, „Die Jahre“

Sasha Filipenko, „Rote Kreuze“

Roger Willemsen, „Wer wir waren“

Derrick Jensen, „Deep Green Resistance“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wer sich zwischen die Stühle setzt, landet im Unbequemen. Wo’s am unbequemsten ist, da hat die Kunst ihren Platz. Kunst bewahrt den Menschen nicht vor dem Chaos, sondern vor der Ordnung.“

Arno Geiger (Dankesrede Verleihung Joseph-Breitbach-Preis 2018)

Valerie Springer, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Valerie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Valerie Springer, Schriftstellerin

www.valerie-springer.at

Fotos_Rudi Teix

12.9.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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