„In der Kunst Emotionalität zu zeigen“ Lisa Hofmaninger, Saxophonistin _ Hafnerbach/NÖ 11.9.2021

Liebe Lisa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Puh, schwierige Frage….ich würde sagen, nie gleich. Zumindest vor und nach dem Lockdown. Die einzige Routine ist das Frühstück mit Kaffee oder Chai und Marmeladenbrot oder Müsli. Und die Morgendusche nicht zu vergessen. Das Frühstück/Mittag- oder Abendessen natürlich nur in Gesellschaft mit meinem Freund oder Ö1. Der gemeinsame Start in den Tag und vor allem die Tatsache, diese sogenannten Ruhephasen und Handy/Computerpausen mit meinem  Freund zu teilen und somit diese mindestens zwei ungestörten Beziehungsmomente zu haben, sind für mich essenziell um die Partnerschaft auch in stressigen Zeiten aufrecht und in Balance zu halten. Diese Momente sind manchmal auch fast ein bissl zu relaxt, denn danach bricht bei mir oder meinen Chauffeuren meist der große Stress aus, denn der Zug entweder gen Westen (Vöcklabruck) oder Osten (Wien) muss erwischt werden. Das gelingt auch fast immer auf die Minute genau :).

Dann genieße ich das Runterkommen im Zug mit guter Musik (momentan Mark Hollis, Piers Faccini, Tears For Fears, Imogen Heap, Quartabe, Bon Iver, Chris Thile, Shai Maestro, Siya Makuzeni Sextett,…), einem Buch oder Emails checken. Dann muss ich hoffen, dass ich den Ausstieg nicht verpasse, weil ich meist so tief versinke. Ja das ist ein ziemlich starker Charakterzug von mir, ich kann die Welt um mich vergessen wenn ich im Zweiergespräch bin, mit einem Menschen oder meinem Instrument oder ich bin einfach so ultraentspannt, dass ich wegpenne.

Lisa Hofmaninger, Saxophonistin, Bassklarinettistin, Komponistin

Zurück zu meiner Lieblingsstrecke, die ich ca 330x im Jahr in eine der beiden Richtungen befahre. Ich hab’ mir soeben mit meinem Freund genau dort ein Haus gekauft, wo ich am besten meine Liebe zur Natur, zu einer guten Nachbarschaft und der Zurückgezogenheit ausleben kann, nämlich fast in der Mitte zu meinen beiden Ankerpunkten. In Vöcklabruck unterrichte ich einmal pro Woche in meiner Lieblingsmusikschule, dort wo auch ich meine ersten musikalischen Gehversuche gemacht habe und in Wien spielt sich die Musik ab. Dort sind alle meine Bands verhaftet und natürlich viele meiner langjährigen Freundschaften. Sollte ich mal einen Ruhetag zuhause haben, wird der momentan im neuen Heim mit planen, umgestalten, einwohnen, üben, lesen, Musik hören, kuscheln, kochen und wandern bestritten. Und ich mache mir liebend gern Gedanken über Musikfortschritte, meine neuen Ziele, neue Hobbys und Herausforderungen. Nachdem ich sehr viele Interessen habe passiert’s schon mal, dass ich einen Tag versuche mir das Mixing beizubringen oder wieder einmal anfange, Französisch zu lernen, oder einfach von einer Ö1 Sendung zur nächsten springe.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität, Wachheit, Emotionalität und der Mut, Gefühle zu zeigen, Gelassenheit und Zuversicht. Ich habe in den letzten Monaten sehr viel gelernt und traue mir zu behaupten, dass ich in dieser Krise, die für mich auch eine sehr starke und tiefe persönliche Krise ausgelöst hat, sehr gewachsen bin. Auch als ich an meinem bisherigen tiefsten Punkt angekommen war, habe ich nie die Zuversicht verloren, dass ich stärker und selbstbewusster aus dieser Zeit heraustreten werde. Das hat mir sehr geholfen und das möchte ich auch jeder/jedem ans Herz legen. Gewisse Momente treffen uns hart und tief, ihnen jedoch nach einer bestimmten Zeit ins Auge zu sehen, sie zu analysieren oder einfach zu besprechen darf jedoch nicht verpasst werden. Ich hoffe, jeder/jede von uns kann diese Erfahrung im Laufe des Lebens machen, denn danach versteht man sich einfach besser und lernt mit herausfordernden Zeiten umzugehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Meiner Meinung nach steht der Mensch jeden Tag vor einem Aufbruch und Neubeginn. Lebe jeden Tag als wäre es dein erster! So möchte ich es machen, jeden einzelnen Tag. Denn für mich ist es das Wichtigste und ich denke auch die Triebfeder meiner Motivation, diese unbekümmerte Neugier und fast auch etwas Naivität eines Kindes immer präsent zu haben und den Dingen, Orten und Menschen, die ich treffe tagtäglich von Neuem frisch und vorurteilslos zu begegnen. Kinder sind für mich so wahnsinnig spannend zu beobachten und ich muss sagen, ich verbringe am liebsten meine Zeit mit diesen wunderbaren Geschöpfen. Nur durch diese vorbehaltlose Neugierde habe ich die Möglichkeit, Neues zu entdecken und Inspirationsquellen für meine Musik und Bands zu sammeln. Nicht zuletzt heißt eine meiner langjährigen Projekte gemeinsam mit 12 KollegInnen „Little Rosies Kindergarten“.

Seit einiger Zeit ist es mir auch ein großes Anliegen und großer Bestandteil meiner Arbeit, mich in der Kunst auch politisch auszudrücken. Ich möchte meine Meinung teilen und auch Denkanstöße geben, egal wie weitreichend sie sein mögen. Mir reicht es auch, wenn ich einen Menschen im Publikum bereichern oder anregen konnte. Und für mich ist es oberste Priorität in der Kunst Emotionalität zu zeigen, es ist für mich auch der stärkste Kanal nach außen.

Was liest Du derzeit?

„Fokus !“ von Hermann Scherer, „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ von Friederike Mayröcker (was für ein genialer Mensch, leider viel zu spät entdeckt), „Wie Musik wirkt“ von David Byrne….ja ich habe diese Art von Krankheit, tausende Bücher gleichzeitig zu beginnen, manchmal geht’s gut, manchmal fällt eins wieder weg.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Da gibt es mehrere:

„Sound ist revolutionärer als jede Stilrichtung“ – Ornette Coleman

„Berichte über das Ableben des Songs scheinen aus heutiger Sicht stark

Übertrieben“ Eine Wiederverzauberung – Daniel Rab-Saij 2021 (ein geschätzter Freund und Duopartner)

Und natürlich: „Lebe jeden Tag als wäre er dein erster!“

Lisa Hofmaninger, Saxophonistin, Bassklarinettistin, Komponistin

Vielen Dank für das Interview liebe Lisa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Herzlichen Dank für den Denkanstoß!

5 Fragen an Künstler*innen:

Lisa Hofmaninger, Saxophonistin, Bassklarinettistin, Komponistin

http://www.lisahofmaninger.com/live.html

Fotos_1 Maria Frodl; 2 Erwin Pils.

29.8.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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