„Eine Frau darf ja nicht aus ihrer Rolle fallen“ Tanja Raich, Schriftstellerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 3.8.2021

Tanja Raich, Schriftstellerin
am Romanschauplatz Malina _Wien

Wien ist meine Wahlstadt. Ich habe mich spätestens in diese Stadt verliebt als ich den Lesesaal der Haupt-Universität gesehen habe (lacht). Für mich war klar, dass ich hier leben möchte und nirgendwo anders.

Orte sind gerade beim Schreiben sehr wichtig für mich. Ich kann eigentlich nur in der Natur schreiben. Ein Ort macht etwas auf oder er schließt etwas. 

Je nachdem, wo ich schreibe, schreibe ich dann andere Texte. In meinem aktuellen Roman (Anm: „Jesolo“ Tanja Raich, Roman, 2019) spielt der Ort eine wesentliche Rolle. Ein Satz und eine Atmosphäre sind für mich der Beginn einer Geschichte, dann kommt der Ort dazu. Oder dieser ist schon gleichzeitig da. Was zuerst da ist, ist oft schwer zu sagen.

In meinem Roman „Jesolo“ war im ersten Satz „Wir liegen am Strand in Jesolo“ schon das „Wir“ da, die Passivität der beiden und der Ort, der auch metaphorisch für die Beziehung und das Leben, das sie führen, steht. Da war der Ort sehr zentral. Auch bei meinem nächsten Roman wird es so sein. Da wird eine Insel eine große Rolle spielen.

Beim Roman „Jesolo“ habe ich aus der persönlichen Erinnerung der Kindheit geschöpft. Aber natürlich auch von ähnlichen Orten. Ich hatte einen Schreibaufenthalt in Rom, es war so heiß, dass ich am Lido di Ostia geschrieben habe. Dort habe ich den Anfang des Romans geschrieben, die Strandszenen in vielen Details aufgenommen.

Beim aktuellem Romanprojekt habe ich einen Ort gesucht, der zum Roman passt und bin dann auf Sri Lanka gestoßen. Da habe ich sehr viel Inspiration vor Ort mitgenommen. Die Idee zum Roman kam aber nicht in Sri Lanka, sondern in Indien, und ich habe erst nachher überlegt, wo ich hinfahren könnte, welcher Ort mir noch etwas eröffnen könnte für den Roman. 

In meinem neuen Roman geht es auch viel um Licht und Schatten. Wie es ja  jetzt gerade hier im Innenhof zu sehen, spüren ist (lacht). (Anm: es wechseln Regen und Sonne und dessen Lichtspiel während des Interviews im Hof des Romanschauplatzes).

Beim Schreiben rufe ich Orte, Bilder aus der Erinnerung auf, das kann ein Blatt sein, das ich in Sri Lanka gesehen habe, oder das Rauschen der Blätter, das ich in einem Wiener Park beobachtet habe, ich arbeite das dann ein, aber es wird zu einem fiktiven literarischen Ort, in dem sich mehrere Ebenen, mehrere Zeiten, Orte, Realitäten miteinander verbinden.

Ich liebe es neue Orte zu entdecken. Für den Roman „Jesolo“ hatte ich das Glück öfters in Italien sein zu dürfen, insgesamt drei Monate habe ich in Paliano und Rom gelebt und geschrieben. Gerade Paliano ist ein Ort, ein Leben, das ich so nicht gekannt habe. Ich hatte ein ganzes Haus für mich, mit einem weiten Blick auf die Felder des Römer Hinterlands. In Rom bin ich nachts zum Forum Romanum spaziert und ich habe es sehr genossen, frei und ungebunden zu sein. Ich hatte viel Raum, um über mein Schreiben, meine Figuren nachzudenken, das war sicher die wichtigste Zeit, die mein Schreiben maßgeblich geprägt hat.

Wir sind auch 50 Jahre nach Malina in vielen Dingen gesellschaftlich stehengeblieben. Es gibt zwar gleichberechtigte Paare, aber das ist nicht die Norm. Es gibt noch diese traditionellen Rollenbilder und man wird schnell in diese hineingedrängt. Das hat einerseits mit Erwartungen der Gesellschaft, mit eigenen Erwartungen bzw. Erziehung, aber auch mit Strukturen zu tun. Es wird noch einige Jahre dauern, bis wir uns vollständig davon entfernt haben. Auch in der Literatur.

Ingeborg Bachmann war damals eine der wenigen Frauen, die geschrieben haben. Das hat sich heute verändert. Es gibt sehr viele Frauen, die publizieren und auch besprochen werden. Aber ich glaube, dass sie es nach vor schwerer haben, sich zu etablieren und wahrgenommen zu werden. Es sind dann doch die „großen“, „intellektuellen“ Autoren, die besprochen werden und größere Aufmerksamkeit bekommen, mehr Besprechungen, mehr Platz im Feuilleton, die auch gerne als Genies gehandelt werden. Frauen werden hingegen oft als „junge Wunder“ (wenigstens nicht mehr Fräuleinwunder) tituliert, verschwinden aber schnell wieder von der Bildfläche nach ein, zwei Büchern. Dies ist mein Eindruck.

Bei Autorinnen heißt es dann auch oft, dass sie sich mit „kleinen Themen“ auseinandersetzen, Alltäglichem, Beziehungen, Mutterschaft, während sich die Autoren mit den „großen Themen“ unserer Zeit auseinandersetzen. Alles, was mit dem Privaten zu tun hat, wird als „klein“ und „unwichtig“ gehandelt, das spiegelt sich dann auch in den Besprechungen wider.

In „Jesolo“ geht es um Rollenzuschreibungen und um Lebensentscheidungen, Lebensentwürfe. Es geht auch darum, wie wir mit Zuschreibungen von außen umgehen. Etwa in Bezug auf die Kinderfrage, mit denen doch hauptsächlich Frauen konfrontiert sind. Eine Frau wird erst dann als „vollständig“ gesehen, sobald sie ein Kind hat. Die Gesellschaft muss sich endlich davon lösen.

In „Malina“ ist die Protagonistin genauso mit Fragen der Freiheit und Lebensentscheidungen konfrontiert. Malina und Ivan sind besitzergreifend, drängen auch sie in ihre Rolle als Frau, haben Erwartungen, wie sie zu sein hat, wie sie sich zu verhalten hat. Da gibt es durchaus Ähnlichkeiten zu „Jesolo“. Georg drängt meine Protagonistin in ein Leben, das sie so nie führen wollte. In Träumen sucht sie nach Auswegen, denkt immer wieder daran auszubrechen, aber sie schafft es nicht. Bei Bachmann endet der Roman schließlich mit dem  Verschwinden in der Mauer und auch in Jesolo ist es ein „Untergehen“. Es ist ein ähnliches Ende. Eine Resignation.

Das Schöne 50 Jahre nach Malina ist, dass es eigentlich im Männerselbstbild alles gibt: im Positiven wie im Negativen. Es gibt Männer, die Feministen sind, ihr eigenes Rollenbild hinterfragen, und Männer, die noch in klassischen Rollenbildern feststecken, mit Kindererziehung wenig am Hut haben wollen und es selbstverständlich finden, dass die Frau sich um Kind und Haushalt kümmert. Jede Frau muss da sehen, wie sie ihr eigenes Leben gestalten kann, das sie gerne möchte. Darum geht es, die Möglichkeit zu haben, zu entscheiden als Frau.

Ich denke, man kann als Frau sehr viel erreichen und leben, da hat sich in 50 Jahren sehr viel verändert. Allerdings ist der Moment der Schwangerschaft mit Sicherheit ein Dreh- und Angelpunkt in der Partnerschaft. Oft bleiben dann die wirklich wichtigen Dinge, die Organisation des Lebens, doch bei der Frau hängen, weil der Mann doch nicht in Karenz gehen kann/will, weil er doch mehr verdient, etc. Es ist leider oft ein Scheitern ursprünglicher partnerschaftlicher Vereinbarungen. Die Frauen sind dann zwei-, dreifachbelastend, das war jetzt in der Pandemie ja besonders markant. Homeoffice, Homeschooling und Haushalt. Es fehlen da auch die Strukturen, die von der Politik geschaffen werden müssten. Da ist noch ein weiter Weg zu gehen.

Ich denke, es kommt in diesen Herausforderungen des partnerschaftlichen Lebens dann zu jenen Kriegen, kleinen Kriegen, von denen Bachmann spricht. Hier stellt sich durchaus die Frage: „Wer verzichtet auf seine Karriere“? Frauen gehen oft in Teilzeit, stecken zurück, geben klein bei. Männer verzichten selten auf ihre Karriere. Manchmal kommt es dann zu einem größeren Krieg und im schlimmsten Fall zur Trennung, die dann in manchen Fällen die Gleichberechtigung möglich macht, die vorher nicht möglich war.

Heute sind Frauen selbstbewusster und vieles ist selbstverständlicher im alltäglichen Leben geworden. „Was, du malst zu Hause deine Wände aus? Macht das nicht der Mann?“, fragt etwa meine Großmutter. Oder „Du bügelst nicht die Hemden von deinem Partner?“ Das sind dann Irritationen bei meiner Großmutter, weil ich das nicht bzw. selbst mache (lacht). Meine Urgroßmutter hat noch zu Hause in einer geblümten Schürze Gulasch gekocht und Apfelstrudel gebacken den ganzen Tag. Das mache ich jetzt nicht mehr (lacht). Einiges hat sich schon zum Positiven verändert. Lebensrealitäten in Partnerschaften gibt es natürlich wie Sand am Meer. Da ist Ebbe und Flut und viel dazwischen.

Ich denke, es wird heute mehr diskutiert in Partnerschaften, versucht zu verändern. Im schlimmsten Fall wird die Flinte ins Korn geworfen. Heutzutage ist es üblicher auszubrechen und in die nächste Beziehung zu wechseln. In meiner Großeltern-Generation war man verheiratet und das war`s. Da hat man sich nicht scheiden lassen. Das waren nur wenige Außenseiterinnen, die das gemacht haben.

Bei Ingeborg Bachmann spiegelt sich die Persönlichkeit der Figur in Ivan und Malina, zwei verschiedene Lebensmodelle, zwischen denen sie sich nicht entscheiden kann. Das ist auch in meinem Roman so. Man kann in Freiheitsgedanken schwelgen und das biederste Leben führen. Aber vermutlich zerbricht man irgendwann an diesen Widersprüchen.

Frauen sind gesellschaftlich von klein auf viel stärker mit Regeln konfrontiert. „Lach` nicht so laut, red` nicht so viel, zieh` dich ordentlich an …“ Jede Frau kann da wohl hundert Dinge aufzählen, die sie als Kind gehört hat. Als Frau versucht man immer zu gefallen, weil es antrainiert wurde. Eine betrunkene Frau etwa gilt als besonders hässlich, schlimm. Bei Männern wird das akzeptiert. Eine Frau darf ja nicht aus ihrer Rolle fallen und das Gesicht verlieren. Frauen, die nicht dem klassischen Bild entsprechen, werden dann oft abgestraft von öffentlichen Hasskommentatoren und medial durch den Kakao gezogen. Wenn irgendetwas anders ist, wenn eine Frau nicht ihre Rolle erfüllt, dann wird da viel kritisiert.

Je mehr wir uns auf Augenhöhe begegnen, umso fruchtbarer ist dies für eine Beziehung und umso mehr können beide voneinander lernen. Meine Vätergeneration sagt ja, ich habe alles verpasst und von meinem Kind nichts gesehen und sie holen es jetzt als Großväter nach. Gleichberechtigung ist eine große Chance für alle.

Tanja Raich, Schriftstellerin
am Romanschauplatz Malina _Wien

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Tanja Raich_Schriftstellerin_Wien _

Tanja Raich | Autorin

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_6_2020.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Eine Frau darf ja nicht aus ihrer Rolle fallen“ Tanja Raich, Schriftstellerin_ Romanjubiläum Malina _ Wien 3.8.2021

  1. Ungargasse 9. Ein wunderschönes Haus in dem ich meine ersten 20 Lebensjahre verbracht habe! 1959 bis 1979. Meine Eltern übernahmen die Wohnung im 3.Stock (rechter Aufgang) Tür Nr. 20 -ich glaube im Jahr 1956 – von dem Regisseur Gustav Manker https://de.m.wikipedia.org/wiki/Gustav_Manker Meine Eltern sind 1980 ins Weinviertel übersiedelt. Heute wohnt auf Nummer 20 meines Wissens ein Tischler…

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