„Ohne Kultur hat alles keinen Sinn“ Uschi Schmidt, Schriftstellerin_Erfurt 30.7.2021

Liebe Uschi, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meinen Tag bestimmt meine Stelle an der Uni, also besteht der größere Teil der Woche aus Arbeit. Die findet fast nur digital oder online statt, auch mein Schreib-Seminar, das ich einmal wöchentlich gebe. Ich habe viele Veranstaltungen als Online-Format erlebt, Hochschullehre, Wissenschaftstagungen, Musikfestivals und natürlich Lesungen. Das Publikum vermisse ich da sehr, es fehlt dieses interessierte Zuhören, die Blicke, der Applaus. Ich verbringe noch mehr Zeit am Bildschirm und pendle nicht mehr jeden Tag, bin aber auch insgesamt viel weniger unterwegs. Deshalb habe ich als Ausgleich zu dem Übergewicht an Digitalem nach analogen Ausdrucksmöglichkeiten gesucht und die Liebe zur Analogfotografie entdeckt, mit 35mm-Film und DDR-Kameras aus den Jahren 1958 bis 1985. Beim Fotografieren mit dem Smartphone werden etliche Metadaten gespeichert, Ort, Zeit, Personen usw. Bei analogen Bildern gibt es das nicht, wodurch die eigene Erinnerung wertvoller wird. Das möchte ich für die Zukunft beibehalten. Ansonsten sehen meine freien Tage recht gleichförmig aus, sie beginnen mit einer Tasse Earl Grey, danach lese ich oder gehe in die Natur und fotografiere. Schreiben kann ich vormittags nicht, jedenfalls keine Literatur. Das kommt erst im Laufe des Tages. Dann lese und schreibe ich viel, manchmal bis tief in die Nacht. Nach der Pandemie werde ich hoffentlich wieder sagen dürfen: die Nacht gehört ganz der Kultur, den Lesungen, Konzerten und dem Theater.

Uschi Schmidt, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität mit denen, die sie brauchen. Solidarität mit denen, die vergessen wurden. Unterstützung für Künstler*innen und für die Kulturszene überhaupt. Wir müssen gemeinsam dafür kämpfen, sie zu erhalten. Ohne Kultur hat alles keinen Sinn.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Als Gesellschaft sollten wir unsere Lehren aus dieser Zeit ziehen. Bei der „ersten Welle“ gab es ein paar Wochen leere Straßen, kaum Flugverkehr und dafür saubere Luft über Millionenstädten, die sonst in eine Smogwolke gehüllt waren. Die Natur schien sich etwas zu erholen. Viele möchten jetzt nur schnell wieder zur „Normalität“ zurückkehren. Aber manches von dem, was sich normal nannte, waren ökologisch katastrophale Zustände. Ich wünsche mir in Zukunft weniger Auto, weniger Plastik, weniger Konsum, weniger Fleisch, weniger Schadstoffemissionen. Dafür mehr Bewusstheit bei der Lebensführung, mehr regionale Produkte und auch mehr Beachtung für die Kunst- und Kulturszene. Es war schon immer Aufgabe der Kunst, der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und das ist jetzt wichtiger denn je. Kunst muss unbequem, muss Störfaktor sein, damit nicht einfach unwidersprochen zum Status Quo zurückgekehrt werden kann.

Was liest Du derzeit?

Für mich hat jedes Buch seine Zeit und seinen Ort. Zu Beginn der Pandemie war das „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Diese Leseerfahrung, die auf die Realität überzugreifen schien, hat mich tief beeindruckt und begleitet mich bis heute. Eine andere erschütternde Lektüre war „Midnight in Chernobyl“ von Adam Higginbotham, ein Sachbuch erschreckender als alles, was mir in den Genres Horror und Science-Fiction je begegnen könnte. Im Moment lese ich „Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky. Überhaupt interessiert mich am meisten, was mich nicht kalt lässt, was mich aufwühlt und verändert. So möchte ich auch schreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Vielleicht ein Zitat von Hans Keilson, das mir erst kürzlich begegnet ist und mit dem ich sehr resoniere: „Die Literatur ist das Gedächtnis der Menschheit. Wer schreibt erinnert sich, und wer liest hat an Erfahrungen teil. Bücher kann man wieder neu auflegen. Von Büchern gibt es schließlich Archivexemplare. Von Menschen nicht.“

Vielen Dank für das Interview liebe Uschi, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Uschi Schmidt, Schriftstellerin

Uschi Schmidt – Schriftstellerin (kosmodrom2323.de)

Foto_privat.

30.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Ohne Kultur hat alles keinen Sinn“ Uschi Schmidt, Schriftstellerin_Erfurt 30.7.2021

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