„Literatur kann Raum für Veränderung schaffen“ Franziska Hauser, Schriftstellerin_Berlin 15.4.2021

Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich überlege jeden Morgen neu, ob die Prioritäten von gestern heute noch stimmen. An meinem neuen Roman schreibe ich zwar jeden Tag und verbringe die Abende mit meinem Mann und meiner Tochter, aber oft mache ich auch ganz sinnlose Sachen, weil ich zu wenig Arbeit habe. Einerseits tut es ganz gut, nicht mehr so einen effektiven Alltag zu haben, andererseits ist es auch sehr irritierend. Die finanzielle Abhängigkeit, die ich bisher immer vermieden habe, finde ich jetzt beängstigend.

Franziska Hauser, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Der Hoffnung, dass alles wieder so wird wie es war, sollten wir nicht so viel Raum geben, sondern lieber herausfinden was wir ändern müssen. Ich habe mich, gerade im Frühling, oft total daneben gefühlt, wenn alle unter rosa Kirschblüten, Milchkaffee schlürfend auf den Straßen saßen und die komplette Sorglosigkeit zelebriert haben. Die haben wir jetzt nicht mehr und ich will eigentlich nicht, dass alles wieder wird, wie es war. Diesen Hochleistungsalltag will ich auch nicht zurückhaben, weil ich glaube, dass die Hochleistung und die Selbstoptimierung auch die Vergnügungssucht bedingt. Ich hab mir immer mehr Ernsthaftigkeit und Vernunft gewünscht und gedacht: Irgendwann kommt ein Monster und schlägt uns die Kaffeetassen aus den Händen. Jetzt ist das Monster da und gibt uns einen Auftrag: „Wenn ihr klug und mutig seid, könnt ihr euch retten!“ Jede Bewegung erzeugt ja eine Gegenbewegung und es ist jetzt eine Chance, etwas zu ändern, wenn man sich am Alten nicht mehr festhalten kann. So viele Missstände zeigen sich jetzt und können nicht mehr so leicht verdeckt und ignoriert werden. Vielleicht wissen wir ja in Wahrheit schon immer alles was wir wirklich wissen müssen. Dass wir den Klimawandel und die Ausbeutung von Menschen und Ressourcen so sehr vorangetrieben haben, liegt ja nicht daran, dass wir nicht anders könnten, sondern vor allem daran, dass uns bisher noch Nichts daran gehindert hat. Vermutlich ist es leider keine Hilfe fürs Klima, oder für unsere Besinnung, oder Achtsamkeit, wie ich es in meinem Harmoniebedürfnis gerne hätte. Aber wenn wir nicht wollen, dass die Pandemie einfach nur eine von vielen Katastrophen ist, sollten wir nicht nur versuchen uns selbst zu retten, sondern auch sehen was sich jetzt besser machen lässt, um auch die Zukunft unserer Kinder zu retten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, die wichtigste Aufgabe der Literatur ist es den Lesern die Angst zu nehmen. Die Sorglosigkeit ist genauso falsch wie die Angst. Man kann mit Literatur Raum für Veränderung schaffen, weil wir uns Veränderungen ja immer erstmal vorstellen müssen, bevor wir sie umsetzen können. Die Literatur kann diese Vorstellung sein.

Was liest Du derzeit?

Fräulein Nettes kurzer Sommer von Karen Duve mag ich gerade sehr, weil es so schön respektlos geschrieben ist, sodass ich als Leser selbst entscheiden darf, wen ich sympathisch finde und wen nicht. Das gefällt mir.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen ist, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Bertolt Brecht

Franziska Hauser, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Fotoprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franziska Hauser, Schriftstellerin, Fotografin

Autorin (foto-haus.info)

Alle Fotos_Selbstporträts_Franziska Hauser

17.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Literatur kann Raum für Veränderung schaffen“ Franziska Hauser, Schriftstellerin_Berlin 15.4.2021

  1. Schön gedacht, gesprochen, am Kern und zum Glück über’s Gefühl und nicht analytisch. Schreiben, malen läuft über’s Gefühl, kann sich Nur So manifestieren, erreichen….LA BOCCA IN LUPO (ital. Glücksspruch) Franziska Hauser.

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