„Dass eben die Dinge, die Gegebenheiten, die Realitäten nicht unverrückbar sind“ Pega Mund, Schriftstellerin_ München 28.2.2021

Liebe Pega Mund, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gegen halbsechs, sechs in der Früh wach ich auf. Koche mir, ohne Licht anzumachen, Tee. Sitze minutenlang da in der Stille, betrachte den Morgen, um zu mir zu kommen.

Dann bewege ich mich in den Tag hinein. Je nach Wochentag und anstehenden Terminen ist die Agenda immer wieder anders. Ich tue, was eben zu tun ist, bin in ganz unterschiedlichen Lebenswelten unterwegs. Immer laufen mehrere Stränge zugleich nebeneinander und müssen koordiniert werden.

Seit vielen Jahren arbeite ich als Psychologin mit und für Menschen mit Behinderung, zugleich bin ich Teil einer umtriebigen Familie, habe Kinder und Kindeskinder, und – ich will schreiben. Das sind die drei wichtigsten Lebensbereiche, zwischen denen ich ständig switche.

Vieles ist in den vergangenen Monaten mühseliger, komplizierter, zeitweise sogar unmöglich geworden (die Schreibarbeit). In der Berufsarbeit sehe ich mich pandemiebedingt mit neuen Verantwortlichkeiten und Herausforderungen konfrontiert, im familiären Bereich ist die Betreuung der kleinen Kinder ein Hauptthema. Für die Schreibarbeit gilt: immer und überall, jede Zeitnische nutzen. Manchmal fühle ich mich ziemlich atemlos, aber das war in präcoronäischen Zeiten nicht anders.

Pega Mund, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ganz Subjektiv und spontan gesagt: Empathiefähigkeit üben, Gelassenheit, Geduld; differenziert, wach und klar bleiben, keine Feindbilder aufbauen; keine Angst vor der Angst haben, Balance halten, gut für sich sorgen; Zähigkeit zeigen, Standing, Weitblick; Gestaltungsspielräume nutzen, und seien sie auch noch so klein; Imaginationskraft pflegen und nützliche Illusionen, die in der Ritze zwischen Alltagszwang und Sehnsucht, zwischen Traumzeit und Leistungszeit aufblühn …

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mir scheint, Aufbruch und Neubeginn stehen längst schon an.

Notwendig, not-wendend finde ich: die Bereitschaft zu solidarischem Denken und Handeln, zur Selbstreflexion, zur Entkoppelung von Identität und Konsum ; große Bögen denken … und im Blick behalten: die Armutsschere (global, national/regional); die Not marginalisierter Menschen(gruppen); die Verteilung existentieller Ressourcen wie etwa Wasser, Nahrung, Obdach, Energie, Bildung, Selbstbestimmung, medizinische Versorgung, fair bezahlte Arbeit; die Veränderung des Klimas; die Regeneration von Boden, Luft und Wasser; den Umgang mit Pflanzen und Tieren …

Und Literatur, Kunst? Kann protokollieren, dokumentieren, spiegeln, moderieren, differenzieren; kann Korsette knacken und Panzer, kann Denk- Wahrnehmungs- und Kommunikationsmuster brechen, verändern, erweitern; kann befreien vom Sentiment hin zum Gefühl; kann Diskurse entfachen, kann aufzeigen, wachrütteln, verstören, verstimmen; kann wegweisen, wahrsagen – und Spaß machen, beglücken, beflügeln, beschützen, befrieden, beruhigen kann sie auch … „Wenn es einen Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch einen Möglichkeitssinn geben“, heißt es bei Musil. Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft, die Literatur/Kunst vermitteln kann – dass eben die Dinge, die Gegebenheiten, die Realitäten nicht unverrückbar sind.


Was liest Du derzeit?

Bin ja immer in und mit mehreren Büchern unterwegs. Aktuell sind das vor allem:

Denkzettelareale (Gedichte und mehr, für mich ein sehr nahrhaftes Buch!); Schreibtisch mit Aussicht (Essays von Schriftstellerinnen über ihr Schreiben); Love Poems, Transformations (Gedichte, Anne Sexton); Gedichte, Tien Tran (Hgb.von Ron Winkler, im Elif Verlag); Avec Beat (Gedichte, Augusta Laar); Der abgesägte Lauf der Welt (Gedichte, Armin Steigenberger); Es ist, wie’s ist (Kurzgeschichten, Lydia Davis)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

was wir begreifen / ist schon der Rand

(Barbara Köhler, aus „selbander“ in: Die Niemandsrose)

Wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar. 

(Franz Kafka)

Nichts ist selbstverständlich, wir haben uns nur an manches gewöhnt. 

(Rainer Malkowski)

Vielen Dank für das Interview liebe Pega, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Pega Mund, Schriftstellerin

https://driftout.wordpress.com

Foto_Jo Häusler

2.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com


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