„Der Kultur ihren Platz geben und den Kulturschaffenden in unserer Gesellschaft ein würdiges Leben“ Katharina Reich, Künstlerin_Wien 19.1.2021

Liebe Katharina, wie sieht dein Tagesablauf aus?

Zuerst stelle ich mich vor: Unkonventionell durchleuchte ich mein Umfeld mit dem Werkzeug der sinnlichen Wahrnehmung und entwickele daraus interdisziplinäre Arbeiten. In den Prozessen entstehen gefilmte Performances, am Körper tragbare Skulpturen, Vorträge in der Schnittmenge von Psychologie, Kunst und Podiumsdiskussion mit Interaktionsspielraum, generationenübergreifende Kunstinnovationen etc. Kurz: Kooperationen mit vielfältigen Netzwerken, deren Inhalte sich transkulturellen Haltungen widmen sind in den letzten Jahren mein Fokus.

Mein Tagesablauf – dieser hat sich gewandelt durch Shutdowns. Das Morgenritual ist anders geworden. Mittlerweile mache ich täglich am Morgen Yoga, je nach Bedarf und den Zeitressourcen von Arbeit zwischen 15 und 45 Minuten. Das Bewegungsumorientieren macht mir Spaß, denn ich habe eine neue Aktivität-Seite an mir entdeckt und finde dabei Muskeln in Aktion, die mir bisher unbekannt waren.

Ich liebe singen und Musik. Klang in mir erzeugen ist ein großartiges Gefühl. Der Chor findet derzeit nur online statt und das macht mir keinen Spaß. Es klingt schief auf dem Computer und mir fehlt die Resonanz der Mitsingenden im Klang um mich, eben Präsenz. Morgens singe ich für mich bei Musik. Mit einem Bekannten habe ich ein „Tandem“. Es basiert auf meiner Tauschidee, worin ich Deutschunterricht mit seinem Gitarrenlehrerkenntnissen via Zoom tausche. Gitarre lernen geht wiederum für mich Online gut. Ich liebe die sinnlichen Aktivierungsübungen meines Körpers, die ich ansonsten im Radeln durch die Stadt entdecke. Die Töne gehen über den Gitarrenklangkörper in meinen Bauch über, das erlebe ich als Sinnlichkeit. …und ich habe als Frau einen großen Bauchhohlraum, der wundervoll in Resonanz geht! Die Radwege zwischen persönlichen Meetings fallen jetzt naturgemäß weg. Weil ich zu wenig radle, mache ich jetzt Yoga. Ich brauche einfach täglich Bewegung, besonders als ehemalige Radbotin. Persönliche Kontakte bei Meetings im Atelier oder auch auswärts im Kaffeehaus, mit klirrenden Tassengeräuschen im Hintergrund, vermisse ich. Dafür habe ich online Tools, wie Zoom, Microsoft Teams, Skype und wie sie alle heißen recht flott erlernt. Vieles lässt sich so nun auch verkürzt in Calls regeln. Eine angenehme Erfahrung. Ich unterrichte und halte zudem Vorträge, unter anderem auf der Universität für Angewandte Kunst.

Es hat sich also einiges verändert im Tagesablauf von vor Corona zur aktuellen Situation. Alles in allem sind für mich interessante Learnings dabei und ich bin gespannt was die Zukunft für mich bringt

Katharina Reich, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

2 Gramm wiegen alle Coronaviren zusammen, die derzeit unseren Planeten lahmlegen. Spannend, oder? Abseits des Virus bemerke ich in den letzten Jahren eine Verschärfung des rauen Umgangstons bei anderen Meinungen. Die Pandemie hat uns schmerzvoll gezeigt, dass wir in unserem Gesellschaftssystem eine Reihe an blutenden Wunden zu verarzten haben. Was sind diese Wunden? Es geht um den Reformbedarf: ich sehe da die ungelöste Versicherungs-Situation der österreichischen Kunstschaffenden bzw. braucht es da die Entwicklung eines Modells zur Absicherung von Kunstschaffenden. Wir alle wissen mittlerweile, dass Kunst unser tägliches Leben bereichert. Kunst ist systemrelevant, sei es im Radio, auf Plakaten, auf Fotos, die ansprechend in Zeitungen erscheinen und vieles mehr. Hier geht es um Kunst im Alltag, die unser Leben schön und lebenswert macht. Der Kultur ihren Platz geben und den Kulturschaffenden in unserer Gesellschaft ein würdiges Leben als Bürger mit Versicherungsanspruch, Pensionen für Frauen im Alter, uvm. das sind die aktuellen Herausforderungen. Die Pandemie hat sozusagen die Notwendigkeit des Handelns in Verdrängung der sozialen Ungleichheiten der Kunstschaffenden an die Oberfläche gebracht, nun geht es daher ums gemeinsame Lösen der Absicherung. Kunst läuft aktuell Gefahr in einzelnen Minigrabenkämpfen der Kunstschaffenden untereinander zu ersticken.

Ich wurde im Frühjahr 2020 zu einer Ö1 Diskussionen von Marlene Novotny eingeladen. „Die Kunst des Verzichts war der Titel“ den Marlene Schlussendlich ausgewählt hat. Darin habe ich bereits von der verdrängtem Angst der Systemveränderung gesprochen. Darüber hinaus bemerke ich den Trend zu gefälliger Kunst den ich schwierig finde, denn die Aufgabe der Kunst ist es, zum Denken anregen und unbequem zu sein. Diese Tendenz zur Gefälligkeit der Kunst, um Käufer anzusprechen, kommt vor allem aus der Notwendigkeit, die die prekäre bzw. schwierige Lebenssituation Kunstschaffenden in einer durch Shutdowns erschwerten, Lebenssituation durch Verkäufe, kompensieren sucht. Das ist allerdings Unsinn!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Wir stehen nicht vor einem Aufbrach, sondern wir stecken mitten drin. Lösungen für so eine komplexe Situation müssen nun her, das wissen wir alle! Es geht ums MIT-teilen. Ich habe in dieser Zeit gelernt meine Scham der Armut aufgrund meines Kunstschaffens abzulegen. Dabei habe ich mich mit meiner prekären Lebenssituation auseinandergesetzt, denn mir ist gar nichts anderes übriggeblieben. Ich finde es wichtig, dass wir uns nun über die einzelnen Erfahrungen und Learnings austauschen und unterhalten, um eine übergeordnete Lösung innerhalb des krachenden Systems zu finden. Eine neue Kultur des Austausches mit Zulassen von verschiedenen Meinungen ist nun erforderlich. Das heißt kontinuierlich dranbleiben am Dialog und einbeziehen verschiedene ProtagonistInnen. Es geht weg von den einzelnen Individuen, hin zum Austausch der Einzelnen in einem neuen Miteinander. Uns zwingt diese Situation einen gesunden Wechsel zwischen dem Ich als Künstlerin und dem wir mit anderen Kunstschaffenden in Gesellschaft zu finden. Gerade an den entstehenden Widerständen vorankommen anstelle aufgeben… das ist ein aktiver Prozess.

Was liest du derzeit?

Ich bin eine Vielleserin und parallel-Leserin. Was ich lese kann ich kaum eingrenzen. Die Themenfelder sind nämlich breit gefächert und kommen aktuell aus der Psychologie, der Philosophie und der Ökonomie. Ich schreibe selbst seit vielen Jahren Lyrik und ich liebe Gedichtbände. Mir macht es großen Spaß meine Gedanken in gereimte Worte zu verpacken, denn Sprache ist unglaublich lustvoll für mich. Lesen finde ich spannend, weil ich dabei jemanden anderen beim Denken begleite. Außerdem liebe ich Sprachspiele und Wortspiele. Zu Weihnachten habe ich mit dem Spielen von Stadt-Land-Fluss mit weiteren verrückten drei Optionen mit Freunden am Telefon begonnen. Zusatz Kategorien für Sprachelust sind unter anderem die Rubriken: Farbe, Werkzeuge, VIPs und Oberfläche gewesen. Ein Beispiel zu Farbe und meinem Anstehen mit dem Buchstaben I hat mich zu einer Farbkreation bewogen: Innereirot

Welches Zitat welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Hier möchte ich gerne einen Ausspruch von mir mitgeben: „Kunst muss kratzen wie ein alter Wollpulli.“

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina Reich, Künstlerin

– Katharina Reich : Katharina Reich

Foto_Radoslaw Celewicz

18.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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