„Vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen alle Menschen an jedem Tag. Literatur erzählt davon. Kunst bildet es ab “ Isabella Krainer, Schriftstellerin _ Neumarkt/Stm. _ 5.12.2020

Liebe Isabella, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer. Ich steh früh auf, funktioniere, komm spät nach Hause und setze mich an den Schreibtisch. Mit dem Unterschied, dass mich das Etikett „Systemerhalt“ mehr unter Druck setzt, als zu arbeiten, um mir das Schreiben leisten zu können. Sprich, noch mehr Arbeit.

Manchmal fahre ich auch aus der Haut. Heldin, die ich bin. Doch Unfreiheit auszuhalten, ist nicht die Kunst, der ich mich verschrieben habe. In solchen Momenten weiß ich dann wieder, dass ein Etikett nicht mehr ist als etwas auf ein Produkt Geklatschtes.

Und dann ist sie wieder da, die Literatur. Die Liebe zum Schreiben. Hilft mir durch 2020. Ist relevant. Zeigt, was Kunst kann. Öffnet den Käfig.      

Isabella Krainer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für andere wichtig ist, weiß ich nicht. Oder nicht mehr. Dass plötzlich jede*r für oder gegen etwas ist, gibt mir zu denken. Auch, dass Meinung auf einmal so kundgetan wird. So aufgetischt. Früher hätte ich mir sowas gewünscht, Haltung.

Jetzt sehe ich bloß noch Kinder die Sandburgen bauen, während andere Kinder bereits aufs Niedertrampeln warten. Einfach so, aus Prinzip. Und es dann tun. Jetzt, wo Trump weg ist, sollten wir es ihm nicht weiter nachmachen, dieses plumpe Empörungsspiel.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn stehen alle Menschen an jedem Tag. In welche Richtung es geht, hängt davon ab, woran wir glauben, was wir wissen, woran wir denken, an wen und warum.  Literatur erzählt davon. Kunst bildet es ab. Hören wir auf, uns zu hinterfragen, geht die Welt unter. So einfach ist das.

Was liest Du derzeit?

„Normale Menschen“ von Sally Rooney. Was eigentlich nicht stimmt, weil ich es schon längst gelesen habe. Kurz nach „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky. Was auch nicht stimmt, weil ich mir beide Bücher angehört habe, bevor ich sie mir dann gleich nochmal gekauft habe, weil sie so gut sind.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Genau das impfen sie einem als kleinem Kind schon ein, dachte er, als er am Vormittag in seinem alten Opel Kadett sinnlos durch Bremen fuhr, daß man bei schönem Wetter auf keinen Fall zu Hause bleiben darf, das kriegt man nie wieder raus, …“.

Aus: Neue Vahr Süd.

Sven Regener  

Vielen Dank für das Interview liebe Isabella, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Isabella Krainer, Schriftstellerin

ISABELLA KRAINER

Foto:privat

1.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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