„Ich denke, dass das Theater eine gesellschaftliche Verpflichtung hat“ Ines Schiller, Schauspielerin_Linz 24.7.2020

Liebe Ines, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Durch das Theaterspielen hat man immer einen ganz genau vorgegebenen Tagesablauf. Auch wenn ich weiß, dass ich abends eine Vorstellung spiele, lebe ich den Tag anders. Dieser Tagesablauf hat sich nun verändert: Ich mache die Dinge, die ich will, was mich eigentlich sehr glücklich macht, obwohl ich das Theaterspielen sehr vermisse. Ich versuche, mich mit all den Dingen zu beschäftigen, die ich schon immer machen wollte oder die mich wirklich interessieren. So ist während der Quarantäne ein Film entstanden, den ich selbst geschnitten, inszeniert und gespielt habe. Das hätte ich zuvor einfach nicht geschafft.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich habe gelernt, dass aus der Quarantäne, also aus dem Stillstand heraus, sehr viel passieren kann. Wenn wir uns jetzt verweigerten, so wie davor weiterzumachen, uns also bewusst für die Isolation zu entscheiden, dann würde das System wohl in sich selbst zusammenbrechen. Dann gäbe es den Raum für Formen des Zusammenlebens, die unsere kapitalistische, Menschen ausbeutende Weltsicht verneinen. Das heißt, dass wir vermutlich versuchen würden, selbstständig Entscheidungen zu treffen, ohne dass wir uns ständig einer Institution oder vorgesetzten/zuständigen Person anvertrauen müssen.

Ich habe die Situation in Österreich sehr frappierend gefunden. Dass plötzlich so viel Geld da war, das diese eine Regierung für die Flüchtlinge stets verweigert hat. Corona hat uns gezeigt, was alles möglich ist, wenn eine sogenannte Krise stattfindet. Doch ist die Krise schon vor Corona da gewesen. Ich finde es wichtig, dass wir die Möglichkeit bekommen haben, zu sehen, wie fragil dieses System ist, und dass es jetzt an uns liegt, etwas zu verändern. Wir müssen nicht arbeiten gehen, wir können auch zuhause bleiben. Würden dann die kapitalistisch geprägten Strukturen, in denen wir uns bewegen, zusammenbrechen? Arbeit ist systemrelevant: wenn wir wirklich etwas verändern wollen, unter dem Motto “Eine Andere Welt ist möglich”, dann ist jetzt der richtige Zeitpunkt, sich bewusst dafür oder dagegen zu entscheiden und diese Entscheidung für sich selbst zu vertreten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater , der Kunst an sich zu?

Ich denke, dass das Theater eine gesellschaftliche Verpflichtung hat. Es kann nicht sein, dass Kultur und Kunst an letzter Stelle kommen, denn aus ihnen sind stets relevante Kritiken entstanden. Mittlerweile entpuppt sich das Theater immer häufiger als Sprachrohr für oberflächliche Meinungen und Belustigungen genutzt. Es muss immer mehr und immer schneller produziert zu werden, um im Gespräch zu bleiben. In diesem Getriebe ist es sehr schwierig für Schauspieler*innen, die eigene Haltung zur Welt zu vertreten. Gerade jetzt ist es wichtig, nicht aufzugeben, sich nicht neuen Richtlinien zu unterordnen, sondern genau hinzusehen und zu beobachten, was wirklich wichtig ist zu erzählen: Welche Geschichten wirklich etwas dazu beitragen, dass die Menschen etwas empfinden, wenn sie die Theaterräume verlassen. Auf diesem Weg wäre es meiner Meinung nach wichtiger, sich mit dem Inhalt von Stücken, Büchern, Filmen, Performances usw. auseinander zu setzen, als eine Form, ein Spektakel, einen Konsens zu bedienen. Das heißt grundsätzlich, sich nicht dem allgemeinen Konsens unterzuordnen, sondern endlich die Stücke zu spielen, die wirklich etwas mit unserem Leben zu tun haben.

Was liest du zur derzeit?

Ich lese wieder!

Ich habe es jetzt schon 2 mal gelesen, das Buch „99 Prozent Feminismus. Ein Manifest”.

Welches Zitat welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

Sie werden schon sehen, dass jede Epoche die Epidemie hat, die sie verdient. Jeder Zeit ihre Pest. (Ödön von Horvath)

Vielen Dank für das Interview liebe Ines viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ines Schiller, Schauspielerin, Regisseurin

Foto_Walter Pobaschnig_Palais Auersperg_Wien 2020

24.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Ich denke, dass das Theater eine gesellschaftliche Verpflichtung hat“ Ines Schiller, Schauspielerin_Linz 24.7.2020

  1. Pingback: „Es ist eine Resignation, die jetzt in dieser Situation als Schauspielerin stattfindet“ Ines Schiller_ Schauspielerin_ Palais Auersperg _Wien 17.11.2020 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

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