„Literatur, Kunst ist das, was zwischen dem Werk, dir und all dem Rundherum passiert“ Judith Nika Pfeifer, Schriftstellerin_Berlin_22.6.2020

Liebe Nika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Hm, im Vergleich zu wann..? Das ändert sich mit den Orten, an denen ich bin und den Menschen, von denen ich umgeben bin. In den vergangenen Jahren war ich viel unterwegs, permanent am Arbeiten auf Reisen in Indien, Marokko, Arizona, Brüssel, Berlin, Frankreich, Italien, das waren superspannende Erfahrungen. Noch bis vor kurzem war ich mit einer Residency in Washington, wir haben an einem Audio-Projekt gearbeitet. Durch die Pandemie musste ich meine Gastprofessur abbrechen, weil meine Health Insurance plötzlich ungültig wurde, was wiederum mein Visum beeinträchtigt hat. Die Georgetown University hat sehr bald auf COVID-19 reagiert und bereits früh den ganzen Betrieb auf Online umgestellt und meine students und ich konnten via Zoom den Audio Walk fertig machen. Ich wäre sehr gern länger geblieben. DC ist eine unglaublich spannende, bunte und alternative Stadt abseits von dem, was einem medial vermittelt wird, mit einer tollen Musikszene! Also, mein Tagesablauf: Aufstehen, ich hab mir eine Art Morgenroutine zugelegt, an die ich mich aber nicht immer halte, bisschen YouTube Yoga oder raus ins Grüne, schreiben, meditieren oder auch nicht, duschen, frühstücken, loslegen mit dem was zu tun ist. Das sind dann Projekttreffen, Skype-Meetings, Audio-Editing, schreiben, konzipieren. Lesen, News & Literarisches, überlegen wie es weiter geht. Wie eh auch immer schon. Wenn es zu viel wird und sich zu überwältigend anfühlt, raus in die Natur oder Leute treffen. Mit Freund*innen telefonieren, videochatten. Musik hören! Lärm machen. Mitsingen. Tanzen. Schreiben. Radfahren. Recherchieren. Das, was mir am Herzen liegt stärken & unterstützen. Mit Abstand auf die Strasse gehen. Neue Dinge lernen. Feiern. Ins Bett gehen. Schlaf ist eine tolle Reset-Taste.

 

Judith Nika Pfeifer

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Puuuh, also generell im Leben ist es denke ich wichtig, sich einen Doppelblick bewahren: Auf das schauen, was im Argen ist und zugleich darauf, was alles an Gutem passiert und bereits passiert ist. Versuchen, alles vermeintlich Negative als Chance zu sehen. Eigene Vor-Urteile abbauen, sich engagieren — Be an accomplice, but please: Stay in your lane! Zusammenhalten, und teilen. Für andere da sein. Dabei bei sich bleiben, schauen, was man selbst braucht. Sich Hilfe holen, wenn nötig. Aktiv werden auch im Kleinen. Feiern! Das Leben ist immer noch ein Fest. Antizyklisch sein, ein großer Lebensrat meines Vaters, er hat auch immer gesagt: Scheiß da nix! Und kollektiv: Aufhören, in denial zu leben. Es ist an der Zeit, dass Europa Stellung bezieht, sich bekennt zu seiner jahrhundertelangen Rolle und Mitverantwortung für den Zustand der Welt. Ich denke, das Wichtigste ist, dieses weltweite System, das auf einer künstlich erzeugten “Knappheit” basiert und über Gier und Angst und Ausbeutung von Menschen und unserer Umwelt funktioniert, umzustellen auf eines, das auf Kooperation und Verteilung des natürlichen Reichtums aufbaut. Das geht nur über einen Shift in unserem Wertesystem. Wild denken. Und ganz einfach: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte leben & anwenden & justiziabel machen! Z.B. direkt, jetzt & gleich an den EU-Außengrenzen! Generell den Umgang mit unseren Ökosystemen überdenken. Alles fühlt, um es mit den Worten des famosen Andreas Weber zu sagen, er ist Naturwissenschaftler, Meeresbiologe, Kulturwissenschaftler & Philosoph — schwere Leseempfehlung!! In den Wissenschaften bahnt sich eine Revolution im Verständnis von Leben und Lebewesen an. Und das ist eine wunderbare Entwicklung. All things are alive. Wenn man sich indigenes Wissen anschaut, war das immer schon glasklar und gar nicht revolutionär.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Nett geknebelt könnte man sagen, die Antwort darauf, welche Rolle der Literatur oder Kunst zukommt, hängt von der Haltung ab. Nimmt man “L’art pour l’art” in den Blick, also, dass sich Kunst gerade durch ihre Funktionslosigkeit und Autonomie auszeichnet, dann geht es darum, die Annahme, dass Kunst eine Rolle erfüllen könnte, zu hinterfragen. Was wiederum keinen Sinn macht, wenn man unseren Umgang mit Kunst im Alltag im Blick hat: Da ist die These, Kunst und Literatur hätten gar keine Funktionalität wenig überzeugend. Auch wenn sie nur für sich ist, ist die Kunst auch immer für uns da: Wir schauen uns Bilder an, tanzen zu Musik, singen Songs, lassen uns durch Filme, Bücher etc. ablenken und unterhalten, lesen Gedichte, nutzen Gemälde als Geldanlage, als Informationsvermittler, ziehen über sie Rückschlüsse auf Praktiken, spezifische Vorlieben einzelner Epochen und gesellschaftliche Spielregeln vergangener Zeiten. Wir thematisieren Konflikte, entwerfen Zukunftsszenarien. Doch auch wenn der Künstler/ die Künstlerin dem Werk eine Funktion geben möchte oder vielleicht auch gibt, ist es letzten Endes völlig unerheblich, was er oder sie mit dem Werk sagen will. Kunst hat ganz klar ein Eigenleben. Die Frage ist: Was sagt es mir, was kann ich in dem Werk entdecken? Darum geht es. Kunst ist das, was zwischen dem Werk, dir und all dem Rundherum passiert.

Spannend finde ich im Moment ja all die neuen Fragen der Kommunikation: Dieses Wechselspiel: Wie sind wir digital und analog miteinander verbunden? Was wird dadurch möglich oder im Gegenteil verunmöglicht? Oberflächlich wird “analog” ja oft mit Vergangenheit und “digital” mit Fortschritt gleichgesetzt, dabei ist es ungleich komplexer. Vieles lässt sich digital einfach so gar nicht umsetzen. Und umgekehrt.

Ganz allgemein sehe ich die Rolle von Literatur und Kunst als eine des Übersetzens, Containens, Verstärkens, der eines Katalysators, Ermöglichers, Vehikels, Zündstoffs, eines Mediums, einer Raumzeitkapsel, einer Plattform. Je nachdem wer schreibt bzw. Kunst macht und also selbst als Medium agiert. Da ist es wichtig, herum zu fühlen, Ideen zu spinnen, auf gegenwärtige und vergangene Diskurse zu schauen, Hierarchien im Blick zu haben, sich — moralinfrei — mit der Welt mitdrehen und den Humor bewahren, einfach wahrzunehmen, wie sich die Dinge verschieben, zu schauen: Was ist es denn, was sich zeigt bzw. zeigen will und welche Form nimmt es an? Das Tolle ist, dass man aus allem etwas machen kann.

 

 

Was liest Du derzeit?

 Gerhard Rühms “um zwölf uhr ist es sommer”

“Night Sky with Exit Wounds” von Ocean Vuong

von Ling Ma “Severance” und

“Träume von Räumen” von Georges Perec

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 

alles was man sagen kann

kann man auch beiläufig sagen

 elfriede gerstl

 

Klassiker auf Klassiker, Wittgenstein brilliant ge-tweakt oder besser gesagt: grandios ver-gerstlt 🙂

 

“subvers in spe

to apocalypse

apocalypse later

weltuntergehe dich

später”

 

herbert j. wimmer

 

 

 

Oder wenn’s von mir was sein soll

 

„to be announced:

jede/r hat a angst

leave a reply

 

reply:

 

spread the word:

jede/r hat antworten

leave a fear“

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Judith, viel Freude und Erfolg für Deine vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Judith Nika Pfeifer, Schriftstellerin, 

http://www.judithpfeifer.com/welcome/hello_hello.html

 

8.6.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

Ein Gedanke zu „„Literatur, Kunst ist das, was zwischen dem Werk, dir und all dem Rundherum passiert“ Judith Nika Pfeifer, Schriftstellerin_Berlin_22.6.2020

  1. Wunderbare Gedanken, gute Fragen und liebe Judith Nika Pfeifer alles Gute dir und Daniela Emminger mit dem neuen Literaturformat http://www.ueber. tv. Ganz toll.

    Das wird nicht etwas. Das ist schon was. Herzliche Grüße aus Salzburg

    Katharina Krawagna-Pfeifer

    Liken

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