„Mit etwas Pessimismus betrachtet surfen wir eher in einen „Altbeginn“,“ Julia Jost, Schriftstellerin _ Berlin 5.4.2020

 

Liebe Julia, Du lebst in Berlin wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Gegen 8.30 Uhr beginnt, mit Kaffee, die Arbeit an meinem Roman. Gegen 14 Uhr trainiere ich meine Muskeln und gucke währenddessen österreichische und deutsche Nachrichten. Danach esse ich, neuerdings vorwiegend vegan. Duschen, am Tempelhofer Feld oder den Spreekanal entlang spazieren und am Heimweg ggf. im Supermarkt vorbeischauen. Dann arbeite ich weiter, am Abend lese ich.

 

dav

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Politische Äußerungen von gesundheitlichen Empfehlungen zu trennen. Sich nicht von sozialen Netzwerken im Internet hysterisieren zu lassen. Am besten gleich alle diese Dienste kündigen. Die Zeit zu nutzen, um unser Konsumverhalten, die Börse und unser Reiseverhalten zu reflektieren, aber sich auch den enorm wichtigen Themen zu widmen, die nun in den Medien kaum noch Platz finden: Cum-Ex, was passiert an den EU Außengrenzen mit Menschen auf der Flucht? Welche politischen Entscheidungen ohne Zusammenhang mit Corona werden gerade auf der Welt getroffen?
Und natürlich finde ich es auch wichtig, sich um Menschen zu kümmern, die weniger Privilegien genießen als ich selbst. Dazu gehören ältere und kranke Menschen, aber auch obdachlose, süchtige oder aus anderen Gründen in prekären Verhältnissen steckende Menschen. Ich informiere mich gerade wie ich mich nützlich machen kann.

 

 

Worum geht es in Deinem aktuellen Romanprojekt?

Es geht um ein Kärntner Mädchen in den späten 80er Jahren, das beim Spiel einen Schulkollegen verliert. Daraufhin zersetzt sich die Dorfgemeinschaft. Das Virus in dieser Gemeinschaft heißt „Schuldgefühle“. Diese dominieren nun die Dorfbewohnenden und der Umgang damit ist sehr unterschiedlich. Ein Mann kandidiert als Bürgermeister und macht Politik mit dem Vorfall, wiegelt die Menschen gegeneinander auf und fischt so nach Stimmen. Viele unterschiedliche Faktoren spielen eine Rolle und zeigen sich im Verhalten der einzelnen Protagonist*innen. Zum Beispiel Abschottung und die Erfindung von Narrativen und Erklärungen bezüglich des Unfallherganges. Aber auch das Totschweigen und Verdrängen sind Strategien. Die Reinwaschung von Schuld ist dabei immer oberstes Credo. Und der menschliche Körper spielt in all dem eine besondere Rolle. Zunächst natürlich der Leichnam des verunglückten Buben selbst, aber bald schon sieht man, dass es allerorts um die Körper geht. Sie sind Austragungsort von Macht durch Politik, Kirche, das soziale Umfeld. Dass das Mädchen ein Tomboy ist, bzw. sich keinem binären Geschlechtssystem fügt, wird schließlich zu einer Wendung beitragen.

dav

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt gesellschaftlich und persönlich stehen. Was ist dabei wesentlich?

Wir sehnen uns jedenfalls danach, aber mit etwas Pessimismus betrachtet surfen wir eher in einen „Altbeginn“, als in einen Neubeginn. Angst ist ein schlechter Ratgeber, aber leider zum maßgeblichen politischen Mittel mutiert. Nicht das erste Mal. Um diesen Lauf zu unterbinden, müssen die reichen, mächtigen Länder und Menschen ihre zum Teil perfiden Privilegien abtreten. Ohne dem werden wir weder unseren Planeten erhalten noch ein faires Zusammenleben ermöglichen. Das ist nun wirklich nichts Neues oder Besonderes. Wir wissen das alles schon ewig.

 

Was liest Du derzeit?

Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit 4 – Die Geständnisse des Fleisches
Peter Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert
Elias Canetti: Masse und Macht; Geschichte einer Jugend
Félix Guattari und Gilles Deleuze: Tausend Plateaus

 

Welches Zitat, welche Textstelle aus Deinem aktuellen Romanprojekt möchtest Du uns mitgeben?

„An jenem Abend erfand die Mutter zudem eine kleine Geschichte. Und zwar ging es um zwei Frösche, die ins Rahmfass gefallen waren und nicht mehr herauskamen, woraufhin der hyperaktivere Frosch fuchsteufelswild mit den Beinen strampelte, dass der Rahm unerwarteter Weise zu Butter wurde und die beiden Frösche einfach aus dem Fass herausspringen konnten.“

 

dav

 

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Dein aktuelles Romanprojekt und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Jost, Schriftstellerin, 2019 Kelag Preis_Klagenfurt

 

25.3.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

Fotos_Walter Pobaschnig_2019_Klagenfurt.

 

https://literaturoutdoors.com

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